Fragen ohne Antworten

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gkw Avatar

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Das Buch ist aus der Perspektive des jungen Mädchens geschrieben und wir werden in eine unbegreifliche, düstere Atmosphäre geführt. Nicht nur die Gefangenschaft zehrt an den Frauen, es ist insbesondere das Nicht-Wissen, das Nicht-Verstehen. Warum werden sie gefangen gehalten? Was ist geschehen? Gibt es draußen die Welt noch, die sie kannten?
Für die Ich-Erzählerin ist es besonders schwer, sie ist die Jüngste, der Altersabstand zu den anderen ist groß. Die anderen können miteinander Erinnerungen austauschen, sie hat nichts, keine Erinnerungen und auch nicht die Gemeinschaft, die sich aus solchen Gemeinsamkeiten ergibt.
Sie ist offenbar in der Pubertät, bräuchte eine Mutter, bräuchte Freundinnen, mit denen sie reden könnte über alles, was sie verwirrt. Sie lebt ziemlich abgekapselt von den anderen, kann keine Nähe herstellen, will sie auch nicht.
Das unterirdische Gefängnis ist ihre Welt, sie kennt nichts anderes. Wie die Männer in Platons Höhlengleichnis hält sie für real, was sie sieht und hört und das ist nicht viel. Aber im Gegensatz zu ihnen weiß sie von den anderen Frauen, dass es mehr gibt oder zumindest gab.
Dann sind sie frei und die anfängliche Euphorie weicht bald der Ernüchterung. Sie finden draußen nicht die Welt vor, die sie kannten. Sie ziehen umher und suchen nach anderen, Verzweiflung und Einsamkeit wachsen.
Der Roman weist tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit „Der Report der Magd“ auf, wie ja angekündigt wird. Es ist genauso ruhig und emotionslos erzählt und auch hier treffen wir auf Frauen, die aus der Gesellschaft, dem „normalen Leben“ herausgenommen sind. Ob es einen Grund dafür gibt oder einen Plan, weiß man nicht. Ob draußen andere Frauen normal weiterleben, weiß man auch nicht.

Es gibt keine Erklärungen und Antworten, stattdessen entstehen immer mehr Fragen.
Da alles aus der Perspektive des (zunächst) jungen Mädchens geschrieben ist, kommen wir ihr sehr nahe, auch wenn sie sehr gefühlsarm ist. Wir kennen jeden ihrer Gedanken und gemeinsam mit ihr stoßen wir dann auch auf grundsätzlich Fragen, die in eher philosophische Richtung gehen.

Auch thematische Übereinstimmungen mit der „Wand“ von Marlen Haushofer liegen klar vor: die Trennung von der Zivilisation, die Einsamkeit, das Nicht-Verstehen. Das Zurechtkommen-Müssen mit dem, was da ist, …
Nicht erkennbar war für mich, warum manche das Buch als feministischen Roman bezeichnen. Klar treffen wir hier auf entrechtete Frauen, aber für die Wächter mag die Unfreiheit ebenso gelten, und den Frauen fehlt es an Kampfgeist, Mut, Erkenntnis. Sie wollen das frühere Leben, kein völlig anders geartetes, freieres.

Jacqueline Harpman erzählt nüchtern und klar ohne Emotionen und gerade dadurch werden Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit sehr spürbar.

In dem Buch geht es um das Menschsein und was zu einem lebenswerten Leben dazugehört. Was ist der Mensch ohne Erinnerung? Was ist der Mensch ohne Vergangenheit und Zukunft? Was ist der Mensch ohne Verbindung zu anderen Menschen? Ist reine Existenz schon Leben, Menschsein?

Das Buch beantwortet keine Fragen und gibt keinerlei Hoffnung. Das habe ich nach Abschluss doch sehr bedauert. Es eignet sich hervorragend für gemeinsame Leserunden, da es sehr viel Diskussionsstoff bereithält. Mich allein lässt es etwas unzufrieden zurück, aber das Leseerlebnis selbst war natürlich gut.