Gemischte Gefühle

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Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman / Rezension

✨Zitate

„Seit ich nicht mehr nach draußen gehe, verbringe ich viel Zeit damit, in einem der Sessel zu sitzen und die Bücher noch einmal zu lesen.“

„Die wenigen Geschichten, die die Frauen mir aus ihrem früheren Leben erzählt haben, enthielten Ereignisse, Kommen und Gehen, Männer. Für mich hingegen ist eine Erinnerung nichts als das Gefühl, an einem bestimmten Ort zu existieren, zusammen mit denselben Personen, und die immergleichen Dinge zu tun, nämlich essen, seine Notdurft verrichten und schlafen.“

„Bis dahin hatte es nichts gegeben außer der ewigen Wiederholung des Immergleichen, die Zeit schien stillzustehen, nur verschwommen nahm ich wahr, dass sie verging und ich älter wurde. Meine Erinnerungen beginnen mit meiner Wut.“

„…, sie nehmen keine Rücksicht auf die Frauen, machen ihnen ein Kind, und dann sagen sie: „Woher soll ich denn wissen, dass es von mir ist?“, und hauen ab.“

✨Inhalt

39 Frauen und ein Kind leben in einem Bunker unter der Erde. Sie wissen nicht, warum sie dort sind und das Kind ist in Gefangenschaft aufgewachsen, kennt also gar nichts von der Welt draußen. 3 Wächter bewachen und versorgen die Frauen, bis eines Tages der Alarm losgeht…

✨Meinung

Das ganze Buch ist ein langes Zitat, denn es ist wirklich wunderschön geschrieben. Dagegen kann man nichts sagen. Cover, Titel, Klappentext, Leseprobe, alles hat mich magisch angezogen, denn es erschien ein Versprechen von dystopischem Feminismus zu sein.

Fairerweise muss ich direkt einräumen, dass das Buch schon recht alt ist, also veraltete und überholte Sichtweisen waren zu erwarten. Aber durch den großen Hype im englischsprachigen Raum bin ich davon ausgegangen, dass es sich lohnen wird. Dazu kommt, dass Bücher auch oft nach der Leseprobe erst gut oder erst schlecht werden. Etwas Risiko und Unvorhersehbarkeit ist also dabei.

Na ja jedenfalls, es hat sich insofern gelohnt, als dass ich nun beruhigt sein kann. Das Buch war seit Jahren auf meiner mental TBR und jetzt ist es abgebaut. Aber es war schlussendlich nicht ganz mein Geschmack.

Für mich war es stellenweise zu misogyn, sexistisch, einfältig und konservativ. Ja, die Frauen kannten scheinbar nur so ein Leben und dementsprechend können sie dem Kind auch nichts Anderes berichten. Scheinbar dreht sich das Leben von Frauen nur um Männer und das ist eben so. Das Kind kennt keine Männer (der Titel fasst den Inhalt gut zusammen) und kennt kein Patriarchat, also indoktinieren die anderen Frauen es entsprechend, damit sie Bescheid weiß.

Man kann sich an dieser Stelle im Kreis drehen. Ich verstehe nur nicht, was der Sinn dieses Buchs ist. Es wäre eine coole dystopische female revolution story, wenn es irgendein Ergebnis geben würde oder irgendeine Erklärung für irgendwas. Gibt es aber nicht.

Gegenüber dieser Kritik steht wie gesagt ein fantastischer Schreibstil und vielen gefällt das Buch richtig gut.

✨Fazit

Ich denke schon, dass sich die Lektüre lohnt. In jedem Fall wird mir dieses Buch zukünftig weiterhin im Kopf umhergehen, einfach weil es sehr ungewöhnlich ist. Und ungewöhnlich ist schon mal gut.

Es bleibt Euch keine andere Wahl, als sich früher oder später ein eigenes Bild zu machen, vorausgesetzt natürlich, die Geschichte interessiert Euch.

3/5⭐️⭐️⭐️