In der Welt, in der ich lebte

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jenvo82 Avatar

Von

"Vielleicht wird einem das Fremde nie vertraut, wenn man einmal einen sinnvollen, geordneten Alltag gehabt hat. Doch das kann ich, die ich nichts als das Sinnlose kenne, nur vermuten.“

Inhalt

Die namenlose Ich-Erzählerin, von allen nur „die Kleine“ genannt, wächst mit 39 wesentlich älteren Frauen in einem unterirdischen Käfig auf. Keine von Ihnen weiß, wie sie dorthin gekommen ist, aber einige erinnern sich an ihr Leben davor, an ihr Leben als sie noch Mütter, Ehefrauen und Berufstätige waren. Die Kleine kennt nur den täglichen Trott, ohne Berührung, ständig unter Bewachung der 3 bewaffneten Wärter, die hin und wieder die Peitsche knallen lassen, wenn die Frauen ungehorsam sind. Jeder Tag verläuft gleich, es gibt weder Ablenkung noch die Aussicht auf Befreiung. Eines Tages jedoch ertönt eine Sirene, die drei Wachhabenden verschwinden auf der Stelle, doch da gerade Essenszeit war, bleibt der Schlüssel für das unterirdische Gefängnis in den Händen der Gefangenen – die nun erstmals die Gelegenheit dazu bekommen, die Welt draußen neu zu entdecken…

Meinung

Normalerweise bin ich kein großer Freund von Dystopien, doch diesmal hat mich die Leseprobe direkt angesprochen und der Vergleich mit dem Roman „Die Wand“, der mich bereits fasziniert hat, war das Zünglein an der Waage. Jaqueline Harpman beschwört hier ein düsteres, mehr als beklemmendes Szenario herauf, dessen Fokus auf dem menschlichen Verhalten inmitten einer öden, verlassenen Welt liegt. Wer sich Erklärungen wünscht und irgendeine Form von Fortschritt oder Entwicklung sucht, der wird hier nicht direkt fündig, denn die Hintergründe bleiben schwammig. Dafür konzentriert sich der Roman auf die innere Gedankenwelt der jüngsten Person in dieser Gruppe, die anfangs noch ein Teenager unbestimmten Alters ist und am Ende der Lektüre eine alte Frau. Das interessante an dieser doch einseitigen Betrachtungsweise ist die Tatsache, dass sie keinerlei Erfahrungen aus unserer gewohnten Welt mitbringt und sich alles nur mühselig erschließt. Ihr Wissensdurst ist immens, bleibt aber rudimentär, weil alles, was sie gelernt hat von jenen vermittelt wurde, die selbst nur noch dunkle Erinnerungen an vergangene Zeiten haben und ohnehin nur wenig gebildet waren. Trotzdem ist es für sie die einzige Befriedigung, die ihr bleibt: Wissenserwerb, Neugier, Unterwegssein.

Fazit

Hier vergebe ich sehr gute 5 Lesesterne für einen eindringlichen, beklemmenden Roman, die trotz seiner Unbestimmtheit dauerhaft im Gedächtnis bleiben wird. Die Stille und Einsamkeit, die Ängste und kleinen Hoffnungsschimmer sind so empathisch dargestellt, dass ich mich hervorragend in die Erzählerin hineinversetzen konnte. Außerdem hat es mich fasziniert, wie sachlich und reflektiert die oftmals todtraurigen Szenen vermittelt werden. „Die Kleine“ orientiert sich in ihrem Dasein weniger an den gesellschaftlichen Normen unserer Welt und doch ergeben ihre Einstellungen Sinn und berühren mich tief. Ein absolut empfehlenswerter Roman, der sich zügig lesen lässt und eine dunkle Welt mit Herzblut füllt.