Nicht so feministisch wie gedacht

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sternchenblau Avatar

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Die Wiederentdeckung eines feministischen Klassikers soll dieses Buch sein – da hing die Messlatte total hoch. Und dann konnte mich bei der Leseprobe das Setting absolut begeistern: 39 Frauen und ein junges Mädchen sitzen in einem Käfig, jahrelang, ohne zu wissen, warum oder wo. Aber manchen Büchern tut die Erwartungshaltung einfach nicht gut. Und „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist für mich leider so ein Fall.
Das junge Mädchen, das nie einen Namen erhält, erzählt uns diese Geschichte, irgendwann später in der Zukunft. Sie wird also überleben, soviel ist dann doch klar. Ich hatte bereits in der Zeit im Käfig an einer Stelle ein großes Fragezeichen (ich versuche nicht zu spoilern): Warum orientiert sie sich genau an dieser Person? Ich hatte kurz Assoziationen ans Exploitation-Kino, erklärt wird das alles aber nicht. Daher haderte ich immer wieder mit dem Buch, so dass ich mehrfach ansetzen musste. Die wirklich klare, stimmige Sprache, toll übersetzt von Luca Homburg, brachte mich allerdings immer wieder zurück.
Auch die 39 Mitgefangenen sehen wir aus Sicht der Erzählerin – und die kommen mit einem von einer gewissen Arroganz geprägten Blick nicht wirklich gut weg. Sie fühlt sich schlauer als die anderen, Klassismus mischt sich hier mit Misogynie. Das wäre als Ausgangspunkt für mich okay gewesen, aber in der Hinsicht findet dann kein (oder so gut wie kaum) feministischer Wandel statt. Auch, wenn die Ich-Erzählerin an einer Stelle schreibt:
„Thea hatte recht: Ich weiß nichts von alldem, und auch an meine eigene Kindheit kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht bin ich deshalb so anders als die anderen. Mir fehlen wohl einige der Erfahrungen, die einen erst zum Menschen machen.“
Die Dystopie hätte viel Potential für weibliches Empowerment hergegeben, aber eine positive Sicht auf die Schwesternschaft unter den Frauen bleibt uns als Lesende wie der Erzählerin verwehrt. Vielleicht entgeht mir ja was, schließlich feiern manche den Feminismus in „Ich, die ich Männer nicht kannte“.
In feministischer Sicht blieb ich also enttäuscht. Und je weiter das Buch voranschritt, umso mehr nervte mich, dass die Fragen nach dem Warum weiter offen blieben. Warum baut die Autorin so ein spannendes Setting und verweigert dann jegliche Antworten? Als ich dann im Klappentext nochmal las, dass die Autorin als Kind mit ihren Eltern als Jüdinnen*Juden nach Casablanca flüchten mussten, erscheint mir die Deutung der Dystopie als Reflexion auf den Faschismus und Konzentrationslager mit all ihrer Sinnlosigkeit viel stimmiger. Und auch die Redundanzen und fehlende Entwicklung ergeben so Sinn.
Bei meiner Sternenbewertung schwanke ich hin und her. Gerade der Klassismus und die internalisierte Misogynie der Erzählerin wiegen schwer für mich und ergeben maximal 3 Sterne. Aber: Das Setting ist gelungen, ich habe das Buch durchaus stellenweise gerne gelesen und als dystopische Parabel über die Sinnlosigkeit des Faschismus komme ich dann doch bei 3,5 Sternen heraus.