Unglaublich Atmosphärisch

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Neununddreißig Frauen leben in einem unterirdischen Gefängnis in totaler Isolation, bewacht von wortkargen Männern. Ohne jedes Zeitgefühl und ohne Erinnerung an ihr früheres Leben fristen sie dort ihr Dasein, bis eines Tages ein Alarm ertönt und die Wachen plötzlich verschwinden. Die Türen stehen offen. Unter der Führung der vierzigsten Gefangenen – der einzigen, die nie eine Welt außerhalb dieser Mauern kennengelernt hat – wagen sie den Schritt ins Freie. Doch dort erwartet sie keine Rückkehr in die gewohnte Zivilisation, sondern eine weite, menschenleere und rätselhafte Welt. Sie müssen lernen, als Gemeinschaft zu überleben und die Bruchstücke ihrer Vergangenheit mühsam zu rekonstruieren.

Mich hat dieses Buch schon nach wenigen Seiten in einen regelrechten Sog gezogen. Die beklemmende Atmosphäre der Gefangenschaft ist physisch spürbar, sodass ich mich der Spannung kaum entziehen konnte. Es ist diese Ungewissheit, verbunden mit der großen Frage nach dem „Warum“, die mich beim Lesen ständig beschäftigt hat.

Beeindruckend empfand ich die Figur der namenlosen Ich-Erzählerin. Da sie als Einzige keine Erinnerung an ein Leben in Freiheit besitzt, blickt sie mit einer ganz eigenen, fast unschuldigen Sachlichkeit auf die Welt. Sie ist der Motor der Erzählung, diejenige, die den Mut zur Erkundung aufbringt und die Gruppe antreibt. Im krassen Gegensatz dazu steht die Passivität der anderen Frauen, die fast schockierend wirkt. Selbst nach der Befreiung zeigen sie kaum Motivation, die Lage zu erforschen. Es schien mir, als hätten sie sich in der langen Zeit der Isolation selbst aufgegeben. Es ist erschütternd zu sehen, wie sie ihre Erinnerungen verdrängt hatten – wohl auch, weil die schönen Bilder der Vergangenheit zu schmerzhaft waren. Erst nach und nach kehren diese Fragmente zurück, wodurch die Erzählerin mehr über das einstige Leben erfährt, das unserem heutigen entsprach.

Ob man das Buch als feministischen Roman bezeichnen kann, bleibt für mich offen. Zwar spielt Emanzipation eine Rolle, doch für mich stand eher das Leben in einer Gemeinschaft in einer hoffnungslosen Welt im Vordergrund. Die Männer traten lediglich als Wärter auf; Überlebende gibt es nicht. Neben der Frage, wohin sie nach dem Alarm verschwunden sind, bleibt für mich unklar, weshalb es neben den Frauengefängnissen auch eines für Männer gab.

Der Überlebenswille der Protagonistin ist bemerkenswert. Die Vorstellung, jahrzehntelang durch das Nichts zu ziehen, in der Hoffnung auf etwas Neues, das das Leben lebenswert macht, ist schwer nachvollziehbar – besonders, da mit den Jahren die Aussicht auf Erfolg immer weiter schwindet.

Der Schreibstil ist klar und verzichtet auf Schnörkel. Da die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird, lernt man natürlich nur die eingeschränkte Sicht der namenlosen Hauptfigur kennen. Das hat sie mir sehr nahegebracht, ließ aber gleichzeitig viele Lücken offen, die nicht erklärt werden können. Dadurch behält der Roman etwas Mysteriöses, zumal Andeutungen nicht immer aufgelöst werden. Es herrscht eine zehrende Hoffnungslosigkeit, die sich bis zum Ende durchzieht. Gerade die letzten Seiten nach dem Tod der anderen Frauen sind beklemmend, da die Erzählerin nun völlig auf sich allein gestellt ist; ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft und die wachsende Verzweiflung sind fast unerträglich.

Man muss akzeptieren, dass viele Fragen offenbleiben. Wie im echten Leben ist es wohl unmöglich, jedes Rätsel der Existenz zu lösen. Dennoch hätte ich mir am Ende einen etwas runderen Abschluss mit mehr Antworten gewünscht. So habe ich das Buch mit einem sehr beklemmenden Gefühl beendet.