Wird dem Hype nicht gerecht
Der Hype um dieses Buch und die Ankündigung im Klappentext, dass es so feministisch sei wie „Der Report der Magd“ haben mich neugierig gemacht und ich bin mit entsprechend hohen Erwartungen herangegangen. Diese haben sich allerdings nicht erfüllt.
39 Frauen und eine Jugendliche sind seit vielen Jahren hinter Gittern in einem Keller eingesperrt. Sie dürfen sich gegenseitig nicht berühren und werden von bewaffneten Wächtern rund um die Uhr bewacht. Wie lange genau, wissen sie nicht, ihre Erinnerung an das Leben zuvor ist nur bruchstückhaft vorhanden. Eines Tages ertönt plötzlich ein Alarmsignal und die Wärter verschwinden spurlos. Durch einen glücklichen Zufall können die Frauen entkommen und finden sich in einer kargen Landschaft wieder, in der sie lernen müssen zu überleben.
Der Roman ist aus der Ich-Perspektive der Frau geschrieben, die zum Zeitpunkt der Befreiung eine Jugendliche von ca. 12 bis 15 Jahren war. Der Schreibstil ist flüssig zu lesen, einzelne Themen – die Unfruchtbarkeit der Protagonistin, ihre Neugier, etwas über Sexualität und Männer zu erfahren, die Gespräche der anderen Frauen darüber – wiederholen sich jedoch immer wieder, was beim Lesen etwas ermüdend ist.
Der Roman wurde erstmals 1995 veröffentlicht. Es mag sein, dass er unter damaligen Gesichtspunkten feministische Ansätze hatte, allein schon, weil eine Gruppe von Frauen im Mittelpunkt der Handlung steht und es keine männlichen Hauptfiguren gibt. Aus heutiger Sicht empfinde ich dieses Buch jedoch nicht als feministisch. Die Frauen wirken erstaunlich passiv und ideenlos. Sie sehnen sich nach ihrem alten Leben mit Männern, Sexualität und Kindern und betrachten ein Leben ohne Nachkommen als hoffnungs- und sinnlos. Sie bilden zwar eine Zweckgemeinschaft und lassen sich nieder, sind als Gruppe aber nicht fähig, methodisch vorzugehen, die Gegend systematisch zu erkunden und zumindest Versuche zu unternehmen, sich autark mit Nahrung zu versorgen. Auch wenn diese Versuche aufgrund der örtlichen Gegebenheiten scheitern sollten, wäre zumindest der Wille erkennbar gewesen. Für einen feministischen Roman fehlt mir ein Aufbäumen gegen die Situation. Lediglich die Protagonistin zeigt Neugier und Tatendrang. Auch dass die Frauen ihr spärliches Wissen nur widerwillig an die Protagonistin weitergeben, weil es sowieso sinnlos ist, zeigt dass sie von Anfang an resigniert haben.
Die Grundsituation, sich als Frauengruppe in einer lebensfeindlichen, unbekannten Umgebung wiederzufinden, fand ich sehr interessant, ebenso die unterschiedlichen Reaktionen der älteren, in der bekannten Welt sozialisierten Frauen und der jugendlichen Protagonistin. Sie müssen sich mit Einsamkeit und existentiellen Fragen auseinandersetzen: Was ist der Sinn des Lebens? Und was macht ein Leben lebenswert?
Allerdings empfinde ich den Weltenbau als sehr unglücklich und völlig unlogisch. Mag sein, dass ich als Mathematikerin hierauf besonders viel Wert lege und andere sich daran weniger stören. Der Roman liefert jedoch keinerlei Antworten bezüglich der Energieversorgung, dem plötzlichen Verschwinden der Bewacher, die sich geradezu in Luft auflösen, dem Ort an sich (Erde? Exoplanet?) und vielen anderen Punkten, die ich hier nicht aufzählen kann ohne zu spoilern.
So faszinierend die Protagonistin ist, scheint mir ihre Figurenzeichnung doch nicht schlüssig: Sie war vermutlich ein Kleinkind, als sie in den Keller kam, durfte niemals berührt werden, bekam wenig Ansprache, keine Zuneigung und nicht einmal einen Namen. Sie hatte kein Spielzeug, kaum sensorische und intellektuelle Reize. Ich würde hier Anzeichen von Hospitalismus vermuten, Ängste, Unsicherheit und eine reduzierte geistige Entwicklung. Sie ist im Gegenteil eher neugierig, mutig und erstaunlich eloquent und hat lediglich emotionale Defizite. Ferner zieht sie als einzige logische Schlüsse und besitzt die Fähigkeit zu abstrahieren.
Insgesamt wiegen diese Punkte für mich so schwer, dass ich diesem Roman leider nur wenig abgewinnen kann und ihn auch nicht weiterempfehlen würde.