Zurechtfinden in 2 unterschiedlichen Extremsituationen

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nataliegoodman Avatar

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Hätte ich nicht gewusst, dass "Ich, die ich Männer nicht kannte" bereits 1995 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hätte ich es zweifellos für ein modernes Buch gehalten. Dazu tragen die Themen und die sensible Ausarbeitung dieses schwierigen Themas genauso bei wie die tolle und flüssige Übersetzung von Luca Homburg.

Der Roman erzählt die erschreckende und beklemmende Geschichte der namenlosen Ich-Erzählerin, die mit 39 anderen Frauen in einem Keller gefangen gehalten und bewacht wird. Als einzige ist sie als Baby eingesperrt wurden und hat im Gegensatz zu den anderen Frauen keine Erinnerungen an das Leben in Freiheit. Sie kennt weder Sessel noch Busse, Bücher oder sonstigen Alltagsgegenstände, weil die Frauen nur mit dem Nötigsten am Leben gehalten werden. Eine formelle Bildung hat sie nie erhalten. Als die Frauen dem Kerker durch einen Zufall entkommen, gelangen sie in eine trostlose, karge Welt ohne Zeichen menschlicher Zivilisation. Die Ich-Erzählerin ist gezwungen, sich zusammen mit den anderen Frauen in zwei sehr unterschiedlichen Extremsituationen zurechtzufinden, ohne eine Erklärung für die Geschehnisse zu haben.

Die Handlung ist relativ überschaubar und sie stellt mehr Fragen, als dass sie Antworten gibt. Aber Jacqueline Harpman gelingt es, die dystopischen Geschehnisse anschaulich und mitreißend durch die Augen und die inneren Monologe ihrer Protagonistin zu erzählen. Mich hat das Buch absolut mitgerissen und ich konnte es kaum aus der Hand legen.