Jeder legt sich seine Geschichte zurecht: Eine Frau zwischen Burnout und ADHS
„Vor drei Wochen also bin ich Zeugin eines lebensverändernden Unglücks geworden. Meines lebensverändernden Unglücks.
Aber es fühlte sich anders an, als ich erwartet hatte.
Ich bin mir allerdings auch noch nicht sicher, ob ich das, was passiert ist, für mich überhaupt als Unglück einordnen kann.
Aussprechen darf ich diesen Gedanken natürlich nicht.
Aussprechen darf ich das niemals. Nicht einmal vor meinem eigenen Mann. Der würde mich zu Recht fragen, ob ich wahnsinnig geworden bin.
Jetzt endgültig wahnsinnig.
Alle anderen würden nichts fragen, sondern bloß ihre Schlüsse ziehen.
Also schweige ich und sie umarmen mich, wenn sie mich sehen, und ich lasse es geschehen. Verwandte, Freunde, sogar die Nachbarn. Danach halten sie mich an den Schultern auf Armlänge von sich weg und lächeln mich an. ‚Wie geht’s dir mit alledem?‘, fragen sie dann. Und ich kann meine Schultern nicht heben, weil sie von den fremden Händen so schwer sind und darum antworte ich bloß: ‚Es ist alles ein bisschen viel.‘“
Cornelia Travnicek erzählt in ihrem Roman „Ich erzähle von meinen Beinen“ die Geschichte von Wally. Die wurstelt sich immer gerade so durch mit Mann und Tochter, Haus mit Garten und Laufenten und ihrem Job. Plus dem Chaos in ihrem Kopf. Auch im Alltag sucht sie ständig etwas, vergisst etwas, kann sich nicht konzentrieren.
Dann wird bei ihrer elfjährigen Tochter Vallie ADHS diagnostiziert ... und Wally vermutet insgeheim dasselbe bei sich. Doch das spricht sie nicht aus; sie verrät ihrem Mann auch nicht, dass sie die Medikamente ihrer Tochter selbst schluckt und dem Kind stattdessen harmlose Vitaminpillen gibt. Dass indes die Tochter ihre Tabletten in der Schule weitertickt, ahnt Wally nicht, bekommt jedoch bald die Folgen zu spüren ...
Wally verliert immer mehr die Kontrolle über ihr Leben und ihren Körper. Sie muss sich beim Gehen ständig auf ihre Beine konzentrieren, sie vergisst stundenlang zu blinzeln, und am Ende liegt sie nachts in Panik wach, denn sie könnte ja im Schlaf das Atmen vergessen. Als sie nicht mehr kann und im Krankenhaus landet, folgt eine Katastrophe nach der anderen, Feuer und Hochwasser ... die Reihenfolge ist nicht mehr ganz klar. Wie kann Wally ihr Leben in Ordnung bringen?
Die Autorin behandelt Themen wie Mutterschaft, Überforderung und Burnout sowie ADHS auf anspruchsvoll amüsante Weis. Oft möchte man lachen, aber es ist doch einfach auch viel wahres hinter dran: „Es hatte Jahre gedauert, bis ich verstand: Mutterschaft ist eine Führungsposition. Du verwaltest das Budget, du erstellst den Zeitplan und niemand hält sich daran. Du musst ständig erreichbar sein. Jeder beschwert sich bei dir und keiner kooperiert. Für jeden Fehler deines Teams bist du verantwortlich, aber du darfst niemanden feuern. Und alle anderen tun so, als hättest du den einfachsten Job.“
Wally mochte ich als Protagonistin sehr gerne; ihre ganze Art, ihre Klugheit; ihre ehrlich dargestellte Überforderung.
„Mit jedem Buch über Haushaltsorganisation kaufe ich ein Stück Hoffnung. Mit jedem Kalender ein bisschen Sicherheit. Mit jedem Aufbewahrungscontainer, Kühlschranktablett und Wandhaken Frieden für meine Seele.
[...]
Es gibt jedoch Dinge, die kann man nicht bestellen.
Zum Beispiel eine Antwort auf die Frage, was gewesen wäre, hätte ich mich selber früher besser gekannt.“
„Suchen. Ich wollte nicht mehr suchen. Nur wiederfinden.
Ich wollte etwas wiederfinden, und wenn nur eine Art von Wut – und wenn bloß eine auf mich selbst. Weg von dieser seichten Resignation.
Ich wollte wieder die sein, die ich nie gewesen bin.“
„Ich erzähle von meinen Beinen“ ist ein Roman, der einerseits sehr humorvoll und leichtgängig ist, andererseits aber auch viele Wahrheiten ausspricht und Tiefe hat.
„Warum sich selbst in eine Schublade stecken?
Damit endlich einmal aufgeräumt ist.“
Dies war mein erstes Buch von Cornelia Travnicek, aber sicher nicht mein letztes; ich mag ihre Art zu erzählen sehr!
Vielen Dank an den Picus Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
Aber es fühlte sich anders an, als ich erwartet hatte.
Ich bin mir allerdings auch noch nicht sicher, ob ich das, was passiert ist, für mich überhaupt als Unglück einordnen kann.
Aussprechen darf ich diesen Gedanken natürlich nicht.
Aussprechen darf ich das niemals. Nicht einmal vor meinem eigenen Mann. Der würde mich zu Recht fragen, ob ich wahnsinnig geworden bin.
Jetzt endgültig wahnsinnig.
Alle anderen würden nichts fragen, sondern bloß ihre Schlüsse ziehen.
Also schweige ich und sie umarmen mich, wenn sie mich sehen, und ich lasse es geschehen. Verwandte, Freunde, sogar die Nachbarn. Danach halten sie mich an den Schultern auf Armlänge von sich weg und lächeln mich an. ‚Wie geht’s dir mit alledem?‘, fragen sie dann. Und ich kann meine Schultern nicht heben, weil sie von den fremden Händen so schwer sind und darum antworte ich bloß: ‚Es ist alles ein bisschen viel.‘“
Cornelia Travnicek erzählt in ihrem Roman „Ich erzähle von meinen Beinen“ die Geschichte von Wally. Die wurstelt sich immer gerade so durch mit Mann und Tochter, Haus mit Garten und Laufenten und ihrem Job. Plus dem Chaos in ihrem Kopf. Auch im Alltag sucht sie ständig etwas, vergisst etwas, kann sich nicht konzentrieren.
Dann wird bei ihrer elfjährigen Tochter Vallie ADHS diagnostiziert ... und Wally vermutet insgeheim dasselbe bei sich. Doch das spricht sie nicht aus; sie verrät ihrem Mann auch nicht, dass sie die Medikamente ihrer Tochter selbst schluckt und dem Kind stattdessen harmlose Vitaminpillen gibt. Dass indes die Tochter ihre Tabletten in der Schule weitertickt, ahnt Wally nicht, bekommt jedoch bald die Folgen zu spüren ...
Wally verliert immer mehr die Kontrolle über ihr Leben und ihren Körper. Sie muss sich beim Gehen ständig auf ihre Beine konzentrieren, sie vergisst stundenlang zu blinzeln, und am Ende liegt sie nachts in Panik wach, denn sie könnte ja im Schlaf das Atmen vergessen. Als sie nicht mehr kann und im Krankenhaus landet, folgt eine Katastrophe nach der anderen, Feuer und Hochwasser ... die Reihenfolge ist nicht mehr ganz klar. Wie kann Wally ihr Leben in Ordnung bringen?
Die Autorin behandelt Themen wie Mutterschaft, Überforderung und Burnout sowie ADHS auf anspruchsvoll amüsante Weis. Oft möchte man lachen, aber es ist doch einfach auch viel wahres hinter dran: „Es hatte Jahre gedauert, bis ich verstand: Mutterschaft ist eine Führungsposition. Du verwaltest das Budget, du erstellst den Zeitplan und niemand hält sich daran. Du musst ständig erreichbar sein. Jeder beschwert sich bei dir und keiner kooperiert. Für jeden Fehler deines Teams bist du verantwortlich, aber du darfst niemanden feuern. Und alle anderen tun so, als hättest du den einfachsten Job.“
Wally mochte ich als Protagonistin sehr gerne; ihre ganze Art, ihre Klugheit; ihre ehrlich dargestellte Überforderung.
„Mit jedem Buch über Haushaltsorganisation kaufe ich ein Stück Hoffnung. Mit jedem Kalender ein bisschen Sicherheit. Mit jedem Aufbewahrungscontainer, Kühlschranktablett und Wandhaken Frieden für meine Seele.
[...]
Es gibt jedoch Dinge, die kann man nicht bestellen.
Zum Beispiel eine Antwort auf die Frage, was gewesen wäre, hätte ich mich selber früher besser gekannt.“
„Suchen. Ich wollte nicht mehr suchen. Nur wiederfinden.
Ich wollte etwas wiederfinden, und wenn nur eine Art von Wut – und wenn bloß eine auf mich selbst. Weg von dieser seichten Resignation.
Ich wollte wieder die sein, die ich nie gewesen bin.“
„Ich erzähle von meinen Beinen“ ist ein Roman, der einerseits sehr humorvoll und leichtgängig ist, andererseits aber auch viele Wahrheiten ausspricht und Tiefe hat.
„Warum sich selbst in eine Schublade stecken?
Damit endlich einmal aufgeräumt ist.“
Dies war mein erstes Buch von Cornelia Travnicek, aber sicher nicht mein letztes; ich mag ihre Art zu erzählen sehr!
Vielen Dank an den Picus Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚