Neurodivergenz von innen betrachtet
Walburga, genannt "Wally", lebt zusammen mit ihrem Mann Matthias und der gemeinsamen 11-jährigen Tochter Valerie, "genannt Vallie", und hat ihr Leben fast so einigermaßen im Griff. Bis auf all das, was sie vergisst und verlegt und durcheinander bringt, den Staub auf den Regalen und all die Projekte, die sie in Angriff nimmt und dann wieder vergisst oder verliert, weil das nächste aufregende Thema ihren Verstand okkupiert: "Warum immer alles verschwinden musste! Gäbe es einen Weltrekord in Dinge am schnellsten unwiederbringlich verlieren innerhalb eines Radius von weniger als drei Metern, ich würde diese Tabelle für immer anführen." (S. 47)
Bis jetzt wusste Wally nur über sich, dass sie etwas chaotisch zu sein scheint und die Dinge nicht so leicht geregelt zu kriegen scheint wie manche andere, weshalb sie sich auch ein zweites Kind nicht zugetraut hat, auch wenn sie ihre Tochter sehr liebt. Doch die kleine Vallie scheint ihr in vielem zu ähneln und bei ihr wurde sowohl eine Hochbegabung als auch ADHS diagnostiziert, also eine Abweichung vom Durchschnitt in zwei Bereichen, "twice exceptional", wie das heute in der Fachliteratur genannt wird.
Dazu sagt die Psychiaterin in dem Buch zu Vallies Eltern: "Viele Eltern glauben, dass durch eine Hochbegabung ADHS quasi ausgeglichen wird - so ist es eben nicht. Oder eben nur beschränkt, zu einem gewissen Grad. Dazu kommt der Frust, den ein solcher Mensch spürt, wenn ihm bewusst ist: Ich hätte mehr Potenzial, aber kann es nicht umsetzen. Vielleicht können wir uns das so vorstellen: Wie ein starkes Auto, das nicht genug Grip hat, um diese Kraft auf die Straße zu bringen." (S. 87)
Funktioniert Wallys Gehirn auf eine ähnliche Weise wie das ihrer Tochter und es wurde nur damals nicht erkannt? Und was bedeutet das für sie, für ihr Leben und für die Mutter-Tochter-Beziehung?
In diesem sehr unterhaltsam geschriebenen, tiefgründig recherchierten und empathischen Buch befinden wir uns direkt in Wallys Kopf. Wir erleben aus der Innenperspektive ihre Bemühungen mit, eine gute Mutter, Partnerin, Freundin, Arbeitnehmerin usw. zu sein und können ihren sprunghaft-wechselnden Aufmerksamkeitsfokus, die schnell ansteigende und dann aber wieder ins Vergessen fallende Begeisterung für immer neue Themen, aber auch Selbstkritik und - verurteilungen live mitbekommen, genauso wie die große Liebe zu Partner und Tochter.
Es ist eine sehr sympathische Familie, die hier porträtiert wird und wie nebenbei unterhält man sich nicht nur gut, sondern lernt eine ganze Menge über Neurodivergenz, insbesondere über ADHS und Hochbegabung. Mir ist noch kein anderes Buch untergekommen, das ADHS so authentisch nachfühlbar macht wie dieses.
Ein bisschen schräg fand ich manche Entwicklungen gegen Ende des Buches, aber diese sind vermutlich Geschmackssache und dienen letztlich auch dazu, manche Herausforderungen, die mit einem Gehirn, das abweichend vom Durchschnitt funktioniert, einhergehen können, noch einmal deutlicher zu illustrieren.
Insgesamt jedenfalls 5 Sterne für ein sehr gelungenes Werk von einer Autorin, die Themen gleichzeitig unterhaltsam und tiefgründig vermitteln kann und von der ich jetzt auf jeden Fall noch mehr lesen möchte!
Bis jetzt wusste Wally nur über sich, dass sie etwas chaotisch zu sein scheint und die Dinge nicht so leicht geregelt zu kriegen scheint wie manche andere, weshalb sie sich auch ein zweites Kind nicht zugetraut hat, auch wenn sie ihre Tochter sehr liebt. Doch die kleine Vallie scheint ihr in vielem zu ähneln und bei ihr wurde sowohl eine Hochbegabung als auch ADHS diagnostiziert, also eine Abweichung vom Durchschnitt in zwei Bereichen, "twice exceptional", wie das heute in der Fachliteratur genannt wird.
Dazu sagt die Psychiaterin in dem Buch zu Vallies Eltern: "Viele Eltern glauben, dass durch eine Hochbegabung ADHS quasi ausgeglichen wird - so ist es eben nicht. Oder eben nur beschränkt, zu einem gewissen Grad. Dazu kommt der Frust, den ein solcher Mensch spürt, wenn ihm bewusst ist: Ich hätte mehr Potenzial, aber kann es nicht umsetzen. Vielleicht können wir uns das so vorstellen: Wie ein starkes Auto, das nicht genug Grip hat, um diese Kraft auf die Straße zu bringen." (S. 87)
Funktioniert Wallys Gehirn auf eine ähnliche Weise wie das ihrer Tochter und es wurde nur damals nicht erkannt? Und was bedeutet das für sie, für ihr Leben und für die Mutter-Tochter-Beziehung?
In diesem sehr unterhaltsam geschriebenen, tiefgründig recherchierten und empathischen Buch befinden wir uns direkt in Wallys Kopf. Wir erleben aus der Innenperspektive ihre Bemühungen mit, eine gute Mutter, Partnerin, Freundin, Arbeitnehmerin usw. zu sein und können ihren sprunghaft-wechselnden Aufmerksamkeitsfokus, die schnell ansteigende und dann aber wieder ins Vergessen fallende Begeisterung für immer neue Themen, aber auch Selbstkritik und - verurteilungen live mitbekommen, genauso wie die große Liebe zu Partner und Tochter.
Es ist eine sehr sympathische Familie, die hier porträtiert wird und wie nebenbei unterhält man sich nicht nur gut, sondern lernt eine ganze Menge über Neurodivergenz, insbesondere über ADHS und Hochbegabung. Mir ist noch kein anderes Buch untergekommen, das ADHS so authentisch nachfühlbar macht wie dieses.
Ein bisschen schräg fand ich manche Entwicklungen gegen Ende des Buches, aber diese sind vermutlich Geschmackssache und dienen letztlich auch dazu, manche Herausforderungen, die mit einem Gehirn, das abweichend vom Durchschnitt funktioniert, einhergehen können, noch einmal deutlicher zu illustrieren.
Insgesamt jedenfalls 5 Sterne für ein sehr gelungenes Werk von einer Autorin, die Themen gleichzeitig unterhaltsam und tiefgründig vermitteln kann und von der ich jetzt auf jeden Fall noch mehr lesen möchte!