Eine leise, aber bedeutsame Geschichte

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
v.kuhlmann_1808 Avatar

Von

Ich möchte zurückgehen in der Zeit ist ein leises, zugleich eindringliches Buch, das weniger durch äußere Handlung als durch seine Atmosphäre und gedankliche Tiefe wirkt. Judith Hermann nähert sich der Geschichte ihres Großvaters behutsam, fast tastend, und gerade dieses Zögern, das Nicht-Wissen-Wollen und das späte Hinschauen verleihen dem Text eine große emotionale Spannung. Die Auseinandersetzung mit der SS-Vergangenheit in Radom geschieht nicht anklagend, sondern fragend – als Versuch, Leerstellen zu benennen, ohne sie vorschnell zu füllen.
Typisch für Hermanns Schreiben sind die feinen Zwischentöne: Erinnerungen, Gespräche, Orte und Reisen – von Polen bis nach Neapel – fügen sich zu einem Mosaik, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen. Das Persönliche wird dabei nie selbstbezogen, sondern öffnet sich zu einer größeren Frage nach dem kollektiven Erinnern, nach Verdrängung und Verantwortung der nachfolgenden Generationen.
Der Text entfaltet eine stille Magie. Er verlangt Aufmerksamkeit, langsames Lesen und die Bereitschaft, Unausgesprochenes auszuhalten. Schon nach den ersten Seiten spürt man, wie fragil die Konstruktionen sind, mit denen wir unsere Biografien und Familiengeschichten absichern – und wie viel Schönheit, aber auch Schmerz, in diesem brüchigen Erinnern liegt. Ein nachdenkliches, poetisches Buch, das lange nachhallt.