Erinnern heißt, sich vorsichtig zu nähern

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balileyolaf Avatar

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Die Leseprobe von Ich möchte zurückgehen in der Zeit von Judith Hermann ist eindringlich, ruhig und von großer gedanklicher Tiefe. Ausgangspunkt ist eine scheinbar einfache Frage der Mutter nach dem, was bleibt - doch daraus entfaltet sich eine tastende Annäherung an Familiengeschichte, Erinnerung und das Schweigen über Vergangenes.

Hermann beschreibt die Suche nach dem Großvater, dessen nationalsozialistische Vergangenheit lange unausgesprochen blieb, mit großer sprachlicher Präzision und Zurückhaltung. Besonders eindrucksvoll ist, wie widersprüchlich Erinnerungen sein können und wie sehr sie von Verdrängung, Schutz und Selbstzensur geprägt sind. Die Reise nach Radom wird weniger zu einer Recherche als zu einem inneren Prozess - einem Aushalten von Leere, Schuld und Unsicherheit.

Der Text verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit klugen Beobachtungen und einer Sprache, die lange nachhallt. Ich möchte zurückgehen in der Zeit wirkt wie ein stilles Nachdenken darüber, was Erinnern leisten kann - und wo es an seine Grenzen stößt.

Ich möchte weiterlesen, weil dieser Text zeigt, wie Literatur helfen kann, sich dem Unaussprechlichen behutsam zu nähern.