Wieder sehr sehr gelungen! Mein Herz geht auf

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Was hier sofort auffällt, ist die Weigerung des Textes, bequem zu sein. Er widerspricht sich selbst, korrigiert sich, stellt Erinnerungen infrage, zieht dem eigenen Erzählen den Boden unter den Füßen weg. „Das ist, was du daraus machst“ – dieser Satz wirkt wie ein rotes Warnlicht: Vorsicht, hier geht es nicht um Wahrheit, sondern um das Ringen mit ihr. Erinnerung wird nicht als verlässlicher Speicher gezeigt, sondern als umkämpftes Terrain, als etwas, das vererbt, verschwiegen, umgeformt wird.

Die Tätowierung unter dem Arm des Großvaters ist dabei mehr als ein Detail. Sie ist ein Stachel, ein winziger Kreis, von dem aus sich alles entfaltet: Familie, Schuld, Schweigen, nationale Geschichte. Der Text nähert sich dieser Vergangenheit nicht mit moralischem Getöse, sondern mit einer fast klinischen Genauigkeit – Akten, Spinde, Archivmappen, Kies, Skulpturen. Und plötzlich kippt das Sachliche ins Verstörende. Goebbels’ Stimme. Das fiebrige Summen der Menge. Ein „krankes Land“. Diese Sätze stehen da wie kalte Metallplatten.

Literarisch reizvoll ist vor allem das permanente Stocken: Das Erzählen kommt voran, indem es innehält. Der Großvater bleibt Leerstelle und Überfülle zugleich – kein Stoff für eine klassische Figur, kein Raum für Psychologisierung. Und genau darin liegt die Radikalität dieses Textes: Er weigert sich, den Täter erzählbar, erklärbar, gar „interessant“ zu machen. Stattdessen wird die Nachgeborene zur Suchenden, zur Archivarin des Mangels.

Besonders stark fand ich die Verbindung von individueller Erinnerung und körperlichem Verschwinden: die transiente Amnesie der Mutter als Auslöser, als tickende Uhr. Vergessen nicht als Metapher, sondern als reale Bedrohung. Wenn nicht jetzt, wann dann. Dass daraus eine Reise nach Polen wird, fühlt sich folgerichtig und zugleich unheimlich an – als würde der Text selbst die Grenze überschreiten müssen, um weitergehen zu können.

Mein erster Eindruck: Das hier ist kein Roman, der Antworten verspricht. Es ist ein tastender, kluger, unbequemer Text über das Erzählen selbst – über das, was sich sagen lässt, und über das, was sich entzieht. Kühl, präzise, von einer stillen Dringlichkeit. Ein Anfang, der nicht gefallen will, sondern bleibt.

Ich würde SEHR gerne weiterlesen! :0)