Zwischen Erinnerung und schuld

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In Ich möchte zurückgehen in der Zeit entfaltet Judith Hermann einen stillen, eindringlichen Leseeindruck, der lange nachwirkt. Schon in der Leseprobe wird deutlich, wie feinfühlig und präzise sie den Spuren ihres Großvaters folgt, dessen Tätigkeit für die SS im polnischen Radom lange verdrängt wurde. Diese persönliche Annäherung verknüpft sie mit Fragen nach Erinnern und Vergessen, Schuld und Verantwortung über Generationen hinweg.
Der Schreibstil ist ruhig, poetisch und von großer Zurückhaltung geprägt. Gerade in den Zwischen- und Untertönen entsteht eine besondere Spannung: das Ungesagte, die Leerstellen, das Verdrängte bekommen Raum, ohne je laut benannt zu werden. Die Reise nach Polen und weiter nach Neapel wirkt dabei weniger geografisch als innerlich – als Bewegung durch Erinnerungsschichten, familiäre Bindungen und gesellschaftliche Tabus.
Mich fasziniert besonders, wie Judith Hermann zeigt, wie fragil unsere Lebensentwürfe sind und wie nah Verdrängung und Erkenntnis beieinanderliegen. Gleichzeitig liegt in ihrem Erzählen eine leise Schönheit, die berührt, ohne zu beschönigen. Dieses Buch möchte ich weiterlesen, weil es behutsam, aber eindringlich dazu einlädt, sich mit Geschichte, Verantwortung und dem eigenen Erinnern auseinanderzusetzen.