Auf der Suche nach Erklärungen

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Zugegebenermaßen habe ich fast schon sehnsüchtig auf Judith Hermanns Buch gewartet, zumal es im Literaturbetrieb auch schon groß angekündigt wurde.
Das Buch ist dreigeteilt: Zunächst geht es darum, dass Judith Hermann der NS-Vergangenheit ihres eigenen Großvaters nachspüren will und daher nach Radom, Polen reist. Dort verbinden sich die Betrachtungen der Stadt mit den Betrachtungen ihrer eigenen Familie und Herkunft. Hermann scheint auf Sinnsuche zu sein, fragt sich, wie beteiligt der Großvater an den Gräueltaten der Nazis war. Sie prüft auch, welchen Einfluss dies auf die gesamte Familie nahm, wie ihre Familie mit Schuld umging und umgeht. Hermann als Erzählerin schaut also durchaus genau hin, will ergründen und verstehen. Daher stellt sie einen sachlichen, analytischen Blick an, der eigentlich aber auch ein neugieriger und fürsorglicher Blick ist. Sie hält dadurch Distanz, auch Distanz zu einem Großvater, den sie nicht kennengelernt hat, nicht liebt und nicht lieben kann. Daher passt auch der Satzbau: Er ist eher reihend, zum Teil aufzählend und elliptisch. Im zweiten Teil reist Hermann zu ihrer Schwester nach Italien. Auch hier schwebt die Frage nach der Familie stets wie ein Damoklesschwert über die Beziehung der beiden, die Frage verliert aber zunehmend an Bedeutung.
Und genau darin liegt auch meine Kritik. Ich habe ein Buch erwartet, in dem sich Hermann aktiver mit der Familiengeschichte auseinandersetzt, mit dieser Sinnsuche, mit dem Umgang mit Schuld. Das löst sie für mich nicht ein, aber ich muss gestehen, dass das meine Erwartungshaltung war. Hermann ist dennoch ein persönliches Werk gelungen, in dem auch sie ihre offenen Fragen nicht zu klären vermochte, das auch für sie weiterhin Lücken und Unklarheiten zurücklässt. Es ist also kein Buch, das Antworten liefert, sondern es ist eher ein poetologischer Text, eine Reflexion, ein Versuch, sich der Vergangenheit zu stellen.