Das große Schweigen

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federfee Avatar

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Erforschen der Familiengeschichte, Erinnern und Verfälschen, Vergessen und Verdrängen - Schweigen

Ein Büchlein von nur ca. 150 Seiten, schnell gelesen, dachte ich. Von wegen! Es ist ein forderndes Buch, auf das man sich einlassen muss, in das man sich einlesen muss - der Gedankenstrom und die literarische Spurensuche einer Frau, deren Großvater erwiesenermaßen in der Waffen-SS war, ein Täter.

Was hat die Enkelin, die Ich-Erzählerin, damit zu tun? Zuerst möchte man keinen Zusammenhang sehen, aber schon alleine die Tatsache, dass weder die Mutter noch die anderen Familienmitglieder darüber sprechen, wirkt sich aus. Die Mutter kann sich angeblich nicht an den Vater erinnern, der die Familie verlassen hat, als sie vierzehn war. Als sie dann noch eine kurzzeitige völlige Amnesie erleidet, ist das für die Tochter der Anstoß, sich auf Spurensuche zu begeben, nach Radom in Polen, der zentralen Zone des Schreckens‘ (13), einst ein Zentrum der jüdischen Kultur, wo die Nazis ein Ghetto einrichteten. Es gibt ein Foto, das den Großvater 1941 irgendwo dort zeigt, stolz auf einem Motorrad. Was hat er gemacht? Woran war er beteiligt?
Fragen an die Mutter haben nichts gebracht und bringen auch weiterhin nichts; ihre Erinnerungen sind widersprüchlich und durcheinander und das hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern ist Verdrängung und Nicht-wahr-haben-wollen. Die Ich-Erzählerin trägt das Wenige zusammen, das sie vom Großvater weiß; aber im Großen und Ganzen bleibt er eine Leerstelle, ein blinder Fleck.

Mitten im kalten Februar bleibt sie einen Monat in Radom. Ihr Suchen, ihr Nachforschen erscheinen dem Leser ziemlich planlos. Sie liest viel - Mitscherlich, über die wechselvolle Geschichte Radoms u.a., erforscht die Stadt, sucht die Stelle, wo das Foto gemacht wurde und stößt bei Nachfragen auf wenig Informationsbereitschaft. Erst zum Schluss kurz vor ihrer Abreise gibt es Angebote, z.B. von einem Historiker, mit ihr über damals zu sprechen. Als Leser erfährt man aber kaum etwas darüber.

Am Ende des Aufenthalts stehen Erkenntnisse über die Mutter. Zwar versteht die Tochter, wie schwer es sein muss, jemanden zu lieben oder von jemandem geliebt zu werden, der ‘ein Täter’ war, aber das alles entfernt sie auch von ihrer Mutter.
‘Man entdeckt Dinge durch die Erinnerung, sich an etwas zu erinnern bedeutet, es zum ersten Mal zu sehen.’ (Pavese)

Nach dem kalten Winter in Polen fasst sie den spontanen Entschluss, ihre Schwester in Neapel zu besuchen, wo diese als Archäologin tätig ist, verheiratet mit einem Italiener, zwei Kinder.

Ist es vom Wetter, von der Landschaft her ein krasser Gegensatz dort unten im Süden zu sein - was bildhaft-poetisch beschrieben wird - so setzt sich auch hier die Sprachlosigkeit und das Verdrängen fort, das schon in den Kindertagen zwischen ihr und der Schwester herrschte. Über den Großvater wird nichts gesagt und die Schwester verbietet ihr, vor allem in Anwesenheit der Kinder über das ‘das Dunkle’ in der Welt wie z.B. drohende Klimakatastrophe zu sprechen. Statt dessen geht es nur um Belanglosigkeiten.

Einige alltägliche Szenen zeigen symbolisch Gemeintes auf, so die Stachelschweine, die Nähe zueinander suchen, aber wegen der schmerzhaften Stacheln wieder voneinander wegrücken. (92) - wie die Mitglieder dieser Familie - oder der alte Karpfen, der in seiner Rinne immer im Kreis schwimmen muss (112).

Fazit
Was kann man nun als Leser aus diesem Buch mitnehmen? Nach anfänglichem Widerwillen hatten mich die Gedanken, die Atmosphäre eingefangen und ich begann zu verstehen, was Verdrängung, Vertuschung und Sprachlosigkeit in der Familie für einen Schaden anrichten können. Dabei ist es ‘wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel aufzeigen.’ (87)

Dieses Buch - eine essay-artige Spurensuche mit vielen literarischen Anspielungen und Verweisen - erfordert Konzentration und die Bereitschaft, aufmerksam zu lesen, das nicht Erzählte, die Lücken selber zu füllen und darüber nachzudenken. Vieles bleibt offen, so wie im Leben.