Das Unabgeschlossene als Prinzip - Erinnern in Fragmenten
Schon der Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann hat bei mir etwas ausgelöst. Dieses leise Versprechen, dass es hier nicht um eine lineare Geschichte geht, sondern um etwas Offeneres, vielleicht auch Unfertiges. Das Cover hat diesen Eindruck noch verstärkt. Zurückgenommen, fast tastend und genau so fühlt sich auch die Lektüre an.
Im Zentrum steht die Erzählerin selbst, die sich auf die Spuren ihres Großvaters begibt, der während der NS-Zeit in Polen stationiert war. Ausgangspunkt ist ein Foto, der Ort Radom und die Frage, was sich hinter diesem Bild verbirgt. Was folgt, ist keine klassische Spurensuche, jedenfalls keine, die klare Antworten liefert. Vielmehr entsteht ein Geflecht aus Eindrücken, Gedanken, Beobachtungen. Die Reise nach Polen wirkt stellenweise fast suchend im wörtlichen Sinne, tastend, unsicher, manchmal auch ein wenig ziellos. Und doch hatte ich nie das Gefühl, dass das ein Mangel ist. Eher im Gegenteil, denn gerade dieses Nicht-Ankommen, dieses Nicht-Wissen hat etwas sehr Ehrliches.
Was mich besonders beschäftigt hat, ist der Umgang mit den Leerstellen. Die Erzählerin stößt immer wieder an Grenzen, familiär, historisch, emotional. Die Mutter schweigt oder erinnert sich bruchstückhaft, der Großvater bleibt eine Art Schattenfigur. Und genau darin liegt für mich eine der stärksten Ebenen des Buches. Es zeigt, wie Erinnerung funktioniert oder eben nicht funktioniert. Wie viel von dem, was wir „wissen“, eigentlich aus Fragmenten besteht.
Der zweite Teil, der die Erzählerin nach Italien zu ihrer Schwester führt, hat mich zunächst etwas irritiert. Ich hatte erwartet, dass die Spurensuche konsequenter weitergeführt wird. Stattdessen verschiebt sich der Fokus. Die Vergangenheit tritt etwas zurück, und die Gegenwart, die Beziehung zur Schwester, bekommt mehr Raum. Das hat mich beim Lesen ein wenig aus dem Rhythmus gebracht. Gleichzeitig fand ich es aber auch nachvollziehbar, weil sich hier zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Geschichte umgehen. Während die Erzählerin gräbt, geht die Schwester eher auf Distanz und zwischen diesen beiden Haltungen entsteht eine ganz eigene Spannung.
Was mich durchgehend begleitet hat, war diese eigentümliche Mischung aus Nähe und Distanz. Die Sprache ist klar, oft fast nüchtern, und lässt gleichzeitig vieles unausgesprochen. Man wird nicht an die Hand genommen, sondern muss sich selbst orientieren. Es gibt Passagen, in denen ich mir gewünscht hätte, noch tiefer eintauchen zu dürfen, noch näher an die Erzählerin heranzukommen. Und dann gibt es wieder Momente, die mich völlig unerwartet getroffen haben, gerade weil sie so beiläufig daherkommen. Schließlich nahm ich das gesamte Buch jedoch eher mit einer Distanz wahr und konnte mich nicht fesseln.
Inhaltlich ist das Buch weniger eine Aufarbeitung als vielmehr eine Annäherung. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu erklären oder zu bewerten, sondern darum, mit ihrer Unschärfe zu leben. Diese Haltung hat mich stellenweise unzufrieden gemacht. Ich hätte mir mehr Klarheit gewünscht, mehr Konsequenz in der Suche. Gleichzeitig ist genau das vermutlich der Punkt, dass es diese Klarheit nicht gibt.
Nach der Lektüre bleibt kein geschlossenes Bild, sondern eher ein Nachklang. Einzelne Szenen, Gedanken, Fragen. Ich habe mich dabei ertappt, über meine eigene Familiengeschichte nachzudenken, über das, was erzählt wurde und das, was nie zur Sprache kam.
Im Zentrum steht die Erzählerin selbst, die sich auf die Spuren ihres Großvaters begibt, der während der NS-Zeit in Polen stationiert war. Ausgangspunkt ist ein Foto, der Ort Radom und die Frage, was sich hinter diesem Bild verbirgt. Was folgt, ist keine klassische Spurensuche, jedenfalls keine, die klare Antworten liefert. Vielmehr entsteht ein Geflecht aus Eindrücken, Gedanken, Beobachtungen. Die Reise nach Polen wirkt stellenweise fast suchend im wörtlichen Sinne, tastend, unsicher, manchmal auch ein wenig ziellos. Und doch hatte ich nie das Gefühl, dass das ein Mangel ist. Eher im Gegenteil, denn gerade dieses Nicht-Ankommen, dieses Nicht-Wissen hat etwas sehr Ehrliches.
Was mich besonders beschäftigt hat, ist der Umgang mit den Leerstellen. Die Erzählerin stößt immer wieder an Grenzen, familiär, historisch, emotional. Die Mutter schweigt oder erinnert sich bruchstückhaft, der Großvater bleibt eine Art Schattenfigur. Und genau darin liegt für mich eine der stärksten Ebenen des Buches. Es zeigt, wie Erinnerung funktioniert oder eben nicht funktioniert. Wie viel von dem, was wir „wissen“, eigentlich aus Fragmenten besteht.
Der zweite Teil, der die Erzählerin nach Italien zu ihrer Schwester führt, hat mich zunächst etwas irritiert. Ich hatte erwartet, dass die Spurensuche konsequenter weitergeführt wird. Stattdessen verschiebt sich der Fokus. Die Vergangenheit tritt etwas zurück, und die Gegenwart, die Beziehung zur Schwester, bekommt mehr Raum. Das hat mich beim Lesen ein wenig aus dem Rhythmus gebracht. Gleichzeitig fand ich es aber auch nachvollziehbar, weil sich hier zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Geschichte umgehen. Während die Erzählerin gräbt, geht die Schwester eher auf Distanz und zwischen diesen beiden Haltungen entsteht eine ganz eigene Spannung.
Was mich durchgehend begleitet hat, war diese eigentümliche Mischung aus Nähe und Distanz. Die Sprache ist klar, oft fast nüchtern, und lässt gleichzeitig vieles unausgesprochen. Man wird nicht an die Hand genommen, sondern muss sich selbst orientieren. Es gibt Passagen, in denen ich mir gewünscht hätte, noch tiefer eintauchen zu dürfen, noch näher an die Erzählerin heranzukommen. Und dann gibt es wieder Momente, die mich völlig unerwartet getroffen haben, gerade weil sie so beiläufig daherkommen. Schließlich nahm ich das gesamte Buch jedoch eher mit einer Distanz wahr und konnte mich nicht fesseln.
Inhaltlich ist das Buch weniger eine Aufarbeitung als vielmehr eine Annäherung. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu erklären oder zu bewerten, sondern darum, mit ihrer Unschärfe zu leben. Diese Haltung hat mich stellenweise unzufrieden gemacht. Ich hätte mir mehr Klarheit gewünscht, mehr Konsequenz in der Suche. Gleichzeitig ist genau das vermutlich der Punkt, dass es diese Klarheit nicht gibt.
Nach der Lektüre bleibt kein geschlossenes Bild, sondern eher ein Nachklang. Einzelne Szenen, Gedanken, Fragen. Ich habe mich dabei ertappt, über meine eigene Familiengeschichte nachzudenken, über das, was erzählt wurde und das, was nie zur Sprache kam.