Die Erwartung einer Begegnung

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buecherwurm Avatar

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Judith Hermann ist eine Autorin mit Tiefgang. Sie erfasst kleinste Nuancen von Stimmungen und beschreibt sie so präzise, dass mich fröstelt, wenn sie ihr erzählendes Ich durch das winterliche Polen schickt. Es geht ihr weniger um das Vorantreiben einer konkreten Handlung. Ich erwarte kein Ereignis und doch eine Art Ergebnis der Recherchen zu ihrem unbekannten Großvater mit SS-Vergangenheit.
Beim Lesen entsteht das Gefühl eines Versuchs, die Nazi-Geschichte der eigenen Familie unter Kontrolle zu bringen.
Die Enkelin reist nach Radom und telefoniert täglich mit der über 80 Jahre alten Mutter, die, wie ihre Brüder, stets darauf beharrte, den Vater kaum gekannt zu haben. Nach und nach kommen einige dürftige, äußerst banale Erinnerungen wieder. Der SS-Mann war weder ungebildet noch ein Monster. Sofort fällt mir Hannah Arendt und die Banalität des Bösen ein.
Die Mutter sträubt sich, weitere Erinnerungen zu wecken. Auch die in Italien lebende Schwester lässt sich nicht auf ein tieferes Gespräch über den Großvater ein. Die Ich-Erzählerin, die sich als Einzige ein Recht auf Verdrängung nicht zugesteht, bleibt mit dem Gespenst der Vergangenheit allein. Verdrängung ist eine Art, mit der grausamen Leere umzugehen. Aufarbeitung kann nur in Ansätzen erfolgen, und selbst hierbei überwiegt immer wieder die alltägliche Banalität, Hefezopf, Badelatschen, Lesebrille. Museen und Gedenkstätten liefern nur allgemeine Fakten. Am Ende bleibt die Einsicht, dass eine Aussöhnung mit der Geschichte gar nicht stattfinden kann.
Warum trotzdem dieses Buch lesen? Vielleicht hilft es Nachkommen der Täter, quälende Fragen stehenzulassen. Es war so. Wir können aber verhindern, dass Ähnliches wiederum geschieht.