Eine Annäherung an die eigene Herkunftsgeschichte

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Der Roman ist autobiographisch, literarisch.
Der Großvater war Nazi und Mitglied in der Waffen-SS. Nach dem Krieg setzte er sich on der Familie ab und lässt sich später scheiden. Die Erinnerungen der Enkelin sind nicht vorhanden und die Tochter, weiß wenig mitzuteilen.
Sie, die Enkelin, recherchiert und entdeckt ein Foto, ihr Großvater auf einem SS-Motorrad aufgenommen in Radon, Polen.
Sie macht sich dann auf den Weg zu Archiven, Museen und den Weg nach Polen wo sie sich für einige Zeit eine Wohnung mietet. Radon war vor dem Krieg ein Zentrum jüdischer Kultur gewesen. Dann errichteten die Deutschen dort 1941 ein Ghetto.
In Telefongesprächen mit ihrer Mutter werden ihr auch eigene Kindheitserinnerungen bewusst. Doch kommt sie nicht weiter in der Recherche, es gibt Leerstellen, ihr bleibt das Foto.
Von Krakau aus fährt sie weiter in das sonnige und lebendige Neapel um ihre Schwester zu besuchen. Was weiß die Schwester vom Großvater? Sie ist Archäologin gräbt aus, analysiert, restauriert und legt fremde Dramen frei. Es entsteht ein farbenfroher Kontrast, das Leben Süditaliens zu dem traurigen nördlichen Radon. Was hat man von der Erbmasse bekommen als dritte Generation fragt sie sich. „ Sie wollte bleiben und zugleich an den Anfang zurück“.

Der Dritte Abschnitt des Buches heißt Tidstomme – übersetzt als Zeittäschchen. Es handelt vom Verschwinden und Wiederauftauchen der Eltern ihres Mannes. Es handelt von der Lücke, in der niemand darüber informiert wurde, ein unbekanntes Zeitfenster, eine Leerstelle, die die Angehörigen in höchstem Maße irritiert.

Gibt es nun Zusammenhänge? Judith Hermann will nichts konstruieren sie stellt die Geschehnisse in den Raum, gibt Andeutungen und Anregungen. Eine gewisse Ratlosigkeit bleibt am Ende des Romans, genau die Ratlosigkeit, die sie vielleicht selbst empfunden hat. Die Leerstellen gehören zum Leben und jeder geht in diesem Roman anders damit um, mit zeitweiliger Amnesie, Ausgrabungen von Dramen anderer oder Orientierungslosigkeit. Oder in dem Aufschreiben, was man weiß. Und genau das macht sie und mit ihrem Roman inspiriert sie die Leser, sich zu überlegen, wie man mit Herkunft und Geschichte umgeht. Erinnern oder Vergessen. Sie geht dem Ungesagten, dem Nichtwissen, den Lücken in der Familiengeschichte nach und zieht alles hinzu, das ihr in ihrer Recherche begegnet. „Mein Großvater hält sich in der Zwischenwelt auf.... und ich frage mich durchaus, ob ich ihn erlöse, wenn ich an ihn denke....“

Judith Hermann trifft genau den Punkt, der berührt und obwohl das Buch in der Suche und Recherche bruchstückhaft und unvollendet bleibt, ermüdet es nicht. Ihr Schreibstil ist anregend, sensibel und klug. Ihr autobiographischer Roman hat mir sehr gut gefallen.