Erinnern, vergessen, verdrängen

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leukam Avatar

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Dieses Buch, ein Roman ist es keiner, auch wenn es fiktionale Teile enthält, spaltet das Feuilleton und die Leserschaft. Die einen sind begeistert vom typischen Judith-Hermann- Sound, die anderen empfinden das Buch als Ärgernis. Denn die Autorin begibt sich auf Spurensuche nach ihrem Großvater, und findet …nichts.
Der Großvater, 1904 geboren, schon vor 1933 NSDAP-Mitglied, später Mitglied der SS , war als solcher in Radom, in Polen stationiert. Fast ein Drittel der damals 85.000 Einwohner waren Juden. Die Nazis haben sie in Arbeitslager und Vernichtungslager verschleppt, ins Ghetto gesperrt, erschossen, vergast oder sie starben an Krankheiten. Heute lebt nur noch ein einziger Jude in der Stadt
Nach Radom, dieser Kleinstadt zwischen Krakau und Warschau, reist nun die Autorin und bezieht dort für Wochen eine Wohnung . Im Gepäck u.a. ein Photo von ihrem Großvater, wie er auf einem Motorrad sitzt und in die Kamera lächelt. Den Platz in Radom, wo das Bild entstanden ist, wird sie später finden, viel mehr nicht. Sie liest viel in Radom, auch Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“. Sie macht lange Spaziergänge, sucht die Reste der alten Ghettomauer, besucht Museen und schreibt an Archivare und Historiker. Erst kurz vor ihrer Abreise bekommt sie Antwort, man lädt sie ein. Aber mehr erfahren wir dazu nicht.
Auslöser für diese Reise war nicht nur der Fund jenes Photos, sondern auch eine kurzzeitige Amnesie der achtzigjährigen Mutter. Dieses Ereignis zeigt ihr deutlich, dass die Zeit drängte, wenn sie noch Antworten bekommen wollte. Mit der Mutter telefoniert die Autorin dann auch täglich von Polen aus. Aber die Mutter kann oder will ihre Fragen nicht beantworten.
Auf diesen ersten Teil des Buches, „Radom“ tituliert, folgt Teil II. „Napoli“.
Im Anschluss fährt Judith Hermann weiter nach Neapel, wo ihre Schwester mit Mann und Kindern lebt. Die Schwester ist Archäologin, gräbt also ebenfalls in der Vergangenheit. Aber nicht in der familiären, davon will sie nichts wissen und nicht darüber reden. Sie interessiert sich dagegen für „geschlossene Fälle“, so wie die Verschütteten in Pompeji, die vor über Jahren vom Ausbruch des Vesuvs überrascht wurden. Der Großvater, der ist „ kein geschlossener Fall“.
Im kürzesten und letzten Teil des Buches , mit dem poetischen dänischen Wort „Tidslomme“- „Zeittäschchen“ überschrieben, geht es um das tagelange Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise. Auch das eine Leerstelle.

Ist dieses Buch nun ein gescheiterter Versuch, eine Enttäuschung? Wenn man ein weiteren Text über einen SS-Täter lesen wollte, dann ja. Aber es geht nicht darum, was dieser Großvater im Krieg getan hat. Das ist eindeutig. Er war in Radom, als das Ghetto aufgelöst wurde, als Menschen deportiert und erschossen wurden, und ganz sicher war er als SS -Mann daran beteiligt.
Nein, es geht darum, was dieser Großvater mit der Familie gemacht hat. Welche Auswirkungen hatten seine Taten und das Schweigen darüber auf seine Familie und auf die Nachfahren? Judith Hermann hat ihren Großvater nie gekannt, er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Aber als Schatten, als dunkles Loch war er präsent. „Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet.“
Judith Hermann wird weder von ihrer Mutter noch von ihrer Schwester bei ihrer Suche nach der Wahrheit unterstützt. Das mag unbefriedigend sein, dürfte aber in vielen Familien ähnlich ablaufen. So zeigt dieses Buch eben auch, wie schwierig es noch immer ist, sich der eigenen Nazivergangenheit zu stellen.
Es lohnt sich, die Autorin bei ihrem Versuch, in der Zeit zurückzugehen, zu begleiten. Sie lässt uns teilhaben an ihren „Befindlichkeiten“, beschreibt präzise, was diese Zeit in Radom mit ihr macht. Ja, sie stochert im Nebel, aber das macht sie mit einer Sprache, die einem mitnimmt. Tastend und reflektierend, mit eindringlichen Bildern, erzeugt sie eine Atmosphäre, die berührt
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist eine Geschichte vom Suchen und Nichtfinden, eine Reflexion über sich und die eigene Familie, über das Erinnern, Vergessen, Verdrängen.