Familiäres Schweigen

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In „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ setzt sich Judith Hermann mit der Geschichte ihres Großvaters auseinander, der während des Zweiten Weltkriegs als SS-Offizier im polnischen Radom stationiert war. Ausgangspunkt des Buches ist das lange familiäre Schweigen über diese Vergangenheit und der Versuch, sich ihr schreibend zu nähern.
Hermann reist nach Radom, dem Einsatzort ihres Großvaters. Die Stadt bleibt zurückhaltend und verschlossen, was den tastenden Charakter dieses Teils unterstreicht. Der Text beschreibt Annäherungen, Fragmente und Leerstellen, darunter auch den Moment, in dem die Autorin erstmals Sabbat feiert. Über Wien führt der Weg weiter nach Neapel, wo Familie und Alltag eine spürbare Verschiebung der Perspektive ermöglichen. Das Motiv des „Zeittäschchens“ steht dabei für ein Innehalten zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Als Frankfurter Poetikvorlesungen verbindet der Band autobiografische Passagen mit Reflexionen über das Schreiben selbst. Thematisiert werden Erinnerung und Verdrängung, der Einfluss von Orten und Menschen sowie die Frage, wie Geschichte in Sprache gefasst werden kann.
Fazit: Ein ruhig erzählter, reflektierter Text, der persönliche Geschichte und poetologische Überlegungen miteinander verknüpft und lange nachwirkt.