Fehlende Auseinandersetzung mit Familiengeschichte & transgenerationaler Weitergabe

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luisabella Avatar

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»Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen.« (15)

In ihrem neuesten Roman »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« thematisiert die Schriftstellerin Judith Hermann die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Herkunft, den Umgang mit historischer Schuld und Familiendynamiken. Ihr Großvater war in der Zeit des Nationalsozialismus für die SS im Ghetto im polnischen Radom stationiert und entsprechend involviert in die schrecklichen Verbrechen an der Menschheit. In der Familie wird über diesen Großvater nicht gesprochen und somit findet keine Auseinandersetzung statt. Der Roman ist in drei Teile gegliedert, entsprechend der Orte der Auseinandersetzung der Autorin und es handelt sich um eine Innenschau auf den Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Großvater, Erinnerungen und Vergangenheit. Ich habe genau dies sehr vermisst: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Familienperson, die in der NS-Zeit eine aktive Rolle eingenommen hat. Dies ist sicherlich ein anspruchsvolles, literarisches und komplexes Vorhaben, aber es tritt immer weiter in den Hintergrund von familiären Themen und Familiendynamik (zB ungeklärte Schwestern-Konflikte). Damit wird natürlich deutlich, wie das Thema geleugnet wird, aber gerade von einem Roman, der sich dessen annähern will, hätte ich eine kritischere Reflexion erwartet und das ganz konkrete Aufgreifen dessen, was nicht funktioniert.

»Möglicherweise entkommen wir unseren Prägungen nicht, wir landen immer in einem ähnlichen Umfeld, es sei denn, wir gehen entschieden, mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft, dagegen an.« (103)

Zusammenfassend kann ich resümieren: Ich hätte mir hier eine intensivere Auseinandersetzung mit Familiengeschichte, transgenerationalen Weitergabe und der Auseinandersetzung mit den Nachfolgegenerationen gewünscht. Dies hat - aus meiner Perspektive - kaum stattgefunden. Es ist ein Roman, der wichtige Themen berührt, sie offen lässt und damit viel Potential verschenkt. Ich denke hier an die Kritik von z. B. Max Czollek ›Versöhnungstheater‹ und hatte auf Basis des Klappentexts (der Blurb ist übrigens nicht auf dieses Buch bezogen — finde ich auch irreführendes Marketing!) und der Leseprobe einen deutlich anderen Text erwartet.