Hat mich abgeholt
Ich möchte zurückgehen in der Zeit hat mich beim Lesen auf eine Weise berührt, die ich so bei zeitgenössischer Literatur selten erlebt habe. Judith Hermann schreibt mit einer ungewöhnlichen Ruhe und Präzision, die sich nicht in Effekten erschöpft, sondern gerade in der Stille zwischen den Zeilen ihre Kraft entfaltet. Für mich war das Lesen weniger ein „Durcharbeiten“ der Seiten, sondern vielmehr ein Zuhören, einem inneren Flüstern, das lange nachhallt. Der Ton ist klar, poetisch und sehr reflektiert, was dem Buch eine fast magische Dichte verleiht, die mich beim Weiterlesen immer wieder innehalten ließ. Besonders stark empfand ich, wie dieses Werk Erinnerung, Schweigen und die unausgesprochenen Fragen des Lebens miteinander verknüpft, ohne dabei belehrend oder kühl zu wirken. Es ist eher, als würde man jemandem beim ordentlichen Denken über die Zeit und über das, was unausgesprochen bleibt, zuhören und dabei selbst etwas über das eigene Verhältnis zu Vergangenheit und Gegenwart reflektieren. Genau diese Tiefe und der stille Nachklang haben mich emotional abgeholt.