Leerstellen
„Ich schreibe am eigenen Leben entlang, ein anderes Schreiben kenne ich nicht.“ Das sagt Judith Hermann über sich selbst, und es trifft inhaltlich auch für diesen neuen Roman zu. Wobei man beachten muss, dass der Text längst nicht eins zu eins autobiografisch zu rezipieren ist. Es befinden sich rein fiktionale Teile darin, man darf die Ich-Erzählerin nicht mit der Autorin gleichsetzen.
Der Großvater (geb. 1904) war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Bereits 1932 trat er überzeugt in die Partei ein. Er wurde als Mitglied der Waffen-SS ins polnische Radom abkommandiert, wo 1941 unter deutscher Besatzung ein riesiges Ghetto entstand, dessen meist jüdische Insassen gedemütigt, erschossen oder in Lager deportiert wurden. Für die Erzählerin ist es eine Tatsache, dass ihr Großvater an diesen Abscheulichkeiten aktiv beteiligt war: „Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens?“ (S. 13) Sie recherchiert anhand von Fotos, in Akten, sie befragt Familienmitglieder, reist schließlich 2022 selbst nach Radom, um die Spuren des Großvaters zu verfolgen und in den dortigen Archiven Klarheit zu erlangen. „Ich steckte im vergangenen Jahrhundert, aber ich steckte fest, weiter kam ich nicht.“ (S. 27)
Warum beißt sich die Autorin dermaßen an ihrem längst verstorbenen Großvater fest, der die Familie zudem bereits Mitte der 1950er Jahre verlassen hat und vor ihrer Geburt starb? Sie ist davon überzeugt, dass wesentliche familiäre Verhaltensmuster in diesem schrecklich blinden Fleck ihre Ursache haben. Hermann möchte das Schweigen wie das Verdrängte aufbrechen, um zu verstehen. Dabei geht sie mit ihren Angehörigen nicht zimperlich um. Ihre Mutter hält das alles für übertrieben und an den Haaren herbeigezogen: „Weißt du, was du machst. Du literarisierst. Das ist es, was du tust.“ (S. 63)
Hermann verknüpft ihre Erkenntnisse mit eigenen Erinnerungen und Erlebnissen. Im zweiten Teil des Romans „Napoli“ besucht die Erzählerin ihre Schwester, die mit einem Italiener verheiratet ist und als Archäologin ebenfalls die Vergangenheit erforscht. Zwischen den Schwestern wirkt die Sprachlosigkeit der Kindheit nach, das Verhältnis basiert auf Toleranz, während der gemeinsamen Wochen schaffen sie sich aber auch verbindende Erlebnisse. Die Schwester schirmt ihre Familie gegen beunruhigende Erzählungen (auch aus der eigenen Familie) kategorisch ab. Damit die Kinder eine Schule in der Stadt besuchen können, lebt die Familie zeitweise in der Wohnung der hochbetagt verstorbenen Mutter eines Freundes in Neapel. Nichts darf dort verändert werden, die Zimmer haben einen musealen Charakter und stehen für eine andere Art Erinnerungskultur, als die Erzählerin sie kennt.
Der kurze dritte Teil „Tidslomme“ handelt von anderen dauerhaften Leerstellen, die durch das Verschwinden von Eltern auftreten können und rundet den Roman ab.
Für den Leser mag es am Ende enttäuschend sein, dass das Bild des im Zentrum stehenden Großvaters verhältnismäßig blass bleibt, weil es keine fundamental neuen Erkenntnisse gibt. Es geht in diesem Buch mehr um das Verdrängen und Vergessen der eigenen Familienhistorie und der Auswirkungen auf nachfolgende Generationen. Judith Hermann hat einen sehr eigenen Sound. Sie ist eine Meisterin der Sprache, formuliert mit Präzision. Sie verfügt über eine bemerkenswerte Ausdrucksfähigkeit für kleine Nuancen, Beobachtungen und Befindlichkeiten. Sie kann exzellent komprimieren, ihre Sätze haben wenig Beiwerk oder Ausschmückung. Dadurch wirkt ihr Text distanziert, nüchtern und beinahe kühl. Vieles steckt im Ungesagten. Der Leser muss sich Zeit nehmen, um Zusammenhänge herzustellen und zu interpretieren.
Hermann schaut immer in die Tiefe, sie beschäftigt sich nicht mit Oberflächlichem. Insofern darf man keinen echten Spannungsbogen und keine Auflösung erwarten. Man muss die drei Teile des Romans selbst in Einklang bringen. Das macht den Text zuweilen anstrengend. Mir fällt es schwer, die SS-Vergangenheit des Großvaters als alleinige Ursache aller tradierten Schwierigkeiten zu sehen. Es gab auch persönliche Brüche und Verletzungen, die das Leben der Großeltern bestimmt haben - die lässt Hermann aber außen vor.
Für mich ist Judith Hermann grundsätzlich immer ein Gewinn. Ich mag diese melancholisch nachdenkliche Grundstimmung. Die Autorin nähert sich ihrer eigenen Biografie mit einem hohen Maß an Authentizität, sie versucht nicht, sich als Sympathieträgerin darzustellen. Sie ist gewiss kein einfacher Charakter – das sind Künstler vermutlich selten. Trotzdem habe ich dieses Buch als herausfordernder empfunden als ihre Erzählungen oder den Roman „Daheim“.
Der Großvater (geb. 1904) war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Bereits 1932 trat er überzeugt in die Partei ein. Er wurde als Mitglied der Waffen-SS ins polnische Radom abkommandiert, wo 1941 unter deutscher Besatzung ein riesiges Ghetto entstand, dessen meist jüdische Insassen gedemütigt, erschossen oder in Lager deportiert wurden. Für die Erzählerin ist es eine Tatsache, dass ihr Großvater an diesen Abscheulichkeiten aktiv beteiligt war: „Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens?“ (S. 13) Sie recherchiert anhand von Fotos, in Akten, sie befragt Familienmitglieder, reist schließlich 2022 selbst nach Radom, um die Spuren des Großvaters zu verfolgen und in den dortigen Archiven Klarheit zu erlangen. „Ich steckte im vergangenen Jahrhundert, aber ich steckte fest, weiter kam ich nicht.“ (S. 27)
Warum beißt sich die Autorin dermaßen an ihrem längst verstorbenen Großvater fest, der die Familie zudem bereits Mitte der 1950er Jahre verlassen hat und vor ihrer Geburt starb? Sie ist davon überzeugt, dass wesentliche familiäre Verhaltensmuster in diesem schrecklich blinden Fleck ihre Ursache haben. Hermann möchte das Schweigen wie das Verdrängte aufbrechen, um zu verstehen. Dabei geht sie mit ihren Angehörigen nicht zimperlich um. Ihre Mutter hält das alles für übertrieben und an den Haaren herbeigezogen: „Weißt du, was du machst. Du literarisierst. Das ist es, was du tust.“ (S. 63)
Hermann verknüpft ihre Erkenntnisse mit eigenen Erinnerungen und Erlebnissen. Im zweiten Teil des Romans „Napoli“ besucht die Erzählerin ihre Schwester, die mit einem Italiener verheiratet ist und als Archäologin ebenfalls die Vergangenheit erforscht. Zwischen den Schwestern wirkt die Sprachlosigkeit der Kindheit nach, das Verhältnis basiert auf Toleranz, während der gemeinsamen Wochen schaffen sie sich aber auch verbindende Erlebnisse. Die Schwester schirmt ihre Familie gegen beunruhigende Erzählungen (auch aus der eigenen Familie) kategorisch ab. Damit die Kinder eine Schule in der Stadt besuchen können, lebt die Familie zeitweise in der Wohnung der hochbetagt verstorbenen Mutter eines Freundes in Neapel. Nichts darf dort verändert werden, die Zimmer haben einen musealen Charakter und stehen für eine andere Art Erinnerungskultur, als die Erzählerin sie kennt.
Der kurze dritte Teil „Tidslomme“ handelt von anderen dauerhaften Leerstellen, die durch das Verschwinden von Eltern auftreten können und rundet den Roman ab.
Für den Leser mag es am Ende enttäuschend sein, dass das Bild des im Zentrum stehenden Großvaters verhältnismäßig blass bleibt, weil es keine fundamental neuen Erkenntnisse gibt. Es geht in diesem Buch mehr um das Verdrängen und Vergessen der eigenen Familienhistorie und der Auswirkungen auf nachfolgende Generationen. Judith Hermann hat einen sehr eigenen Sound. Sie ist eine Meisterin der Sprache, formuliert mit Präzision. Sie verfügt über eine bemerkenswerte Ausdrucksfähigkeit für kleine Nuancen, Beobachtungen und Befindlichkeiten. Sie kann exzellent komprimieren, ihre Sätze haben wenig Beiwerk oder Ausschmückung. Dadurch wirkt ihr Text distanziert, nüchtern und beinahe kühl. Vieles steckt im Ungesagten. Der Leser muss sich Zeit nehmen, um Zusammenhänge herzustellen und zu interpretieren.
Hermann schaut immer in die Tiefe, sie beschäftigt sich nicht mit Oberflächlichem. Insofern darf man keinen echten Spannungsbogen und keine Auflösung erwarten. Man muss die drei Teile des Romans selbst in Einklang bringen. Das macht den Text zuweilen anstrengend. Mir fällt es schwer, die SS-Vergangenheit des Großvaters als alleinige Ursache aller tradierten Schwierigkeiten zu sehen. Es gab auch persönliche Brüche und Verletzungen, die das Leben der Großeltern bestimmt haben - die lässt Hermann aber außen vor.
Für mich ist Judith Hermann grundsätzlich immer ein Gewinn. Ich mag diese melancholisch nachdenkliche Grundstimmung. Die Autorin nähert sich ihrer eigenen Biografie mit einem hohen Maß an Authentizität, sie versucht nicht, sich als Sympathieträgerin darzustellen. Sie ist gewiss kein einfacher Charakter – das sind Künstler vermutlich selten. Trotzdem habe ich dieses Buch als herausfordernder empfunden als ihre Erzählungen oder den Roman „Daheim“.