Nachdenkenswert

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annek Avatar

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Ein neues Buch von Judith Hermann macht immer neugierig, noch dazu wenn sie sich einem Thema widmet, das in der Literatur stets präsent war. Es ist ja ganz und gar kein neuer Gedanke, sich auf den Spuren der Vorfahren in der Vergangenheit zurück zu bewegen, um eigene Positionen zu überdenken.
In dem Fall handelt es sich um den Großvater, der in der Familienerinnerung kaum eine Rolle spielte, verständlich, da man über dessen SS-Vergangenheit nicht gern sprechen wollte. Nun findet die Enkelin ein Bild, das ihn in Zeit und Raum eindeutig positioniert - Radom in Polen, 1944, er in stolzer Pose.
Was soll die Reise in diese Stadt heute bringen? Was erwartet sie?
Man bleibt auch als Leser etwas ratlos, es sind Impressionen, Überlegungen, die irgendwie ins Leere laufen. Bleibt die Frage, wie mit Vergangenheit und Erinnerungen umzugehen wäre. Auch die Schwester, die die Großvater-Geschichte abwehrt, hat auf eigene Art mit Erinnerung zu tun. Sie gräbt als Archäologin in antiken Fundorten und geht sehr auf Distanz.
Der dritte Erzählstrang kommt überraschend und thematisiert Erinnerung als etwas, das man auch auslöschen und nur als subjektiv bedeutsam betrachten kann. Die drei Bereiche unterscheiden sich natürlich fundamental dadurch, dass im Falle des SS-Mannes sich auch die Frage nach Schuld und Verantwortung stellen sollte.
Das Buch macht einen zwiespältigen Eindruck, einerseits phasenweise sehr dicht, aber andererseits auch sehr unentschieden.
Wenn man sich auf Spurensuche begibt, dann sollte man konkrete Fragen stellen oder aber die Einsichten bewerten. Das vermisse ich hier. Es ist ein Sichvortasten, das irgendwie ins Leere führt.