Schuldaufarbeitung

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"Ich lasse ihn zögernd los, es fällt mir nicht leicht. Mein Großvater widersetzt sich nicht, er hält sich nicht an mir fest. Er verblasst. Kippt ins Dunkle zurück.“

Judith Hermann versucht in ihrem aktuellen Werk die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten, insbesondere die ihres Großvaters, der im Holocaust eine Täterrolle einnahm.
Allein der Versuch klingt schwierig. Wie geht man mit diesem Wissen um? Die meisten Familien werden auf ein stillschweigendes Darüber-spricht-man-nicht übereinkommen. So auch Familie Hermann. Die Schuld wiegt immer noch schwer, doch konnte und kann man als Tochter oder Enkelin des Täters anders handeln oder denken als es viele tun?

Eine gesellschaftliche Schuldaufarbeitung hat nie stattgefunden. Als Enkelin an dieser furchtbaren Familiengeschichte zu rütteln, die für alle Beteiligten verdrängte Schuldgefühle und Schmerz mit sich bringt - das scheint falsch und unangemessen. Dennoch bedrängt Hermann ihre Mutter, möchte Erinnerungen, Worte, Eingeständnisse. Die bekommt sie selbstverständlich nicht. Selbst die Reise an den Ort der Gräueltaten des Großvaters, nach Radom, bringt sie in ihrem Versuch, die Schuld der Nachkommen aufzuarbeiten, nicht weiter. Auch Gespräche mit ihrer Schwester finden nicht statt, denn die hat die deutliche Position des Schweigens und Positivbleibens eingenommen.

Obwohl sich Judith Hermann der Geschichte und Schuld ihres Großvaters nicht zu nähern vermag und ihre Familie diesen Versuch abblockt, ist ihre Erzählung darüber unheimlich tief und aussagekräftig. Die verdrängte Schuld, das fehlende Aufarbeiten und der unterdrückte Schmerz werden so besonders deutlich: So sehr du dich bemühst, du wirst an diesem Schweigen nicht rütteln. So bleibt die Schuld für Nachfolgegenerationen bestehen. Zumindest für diejenigen, die es wagen, Fragen zu stellen, kann der Versuch der Schuldaufarbeitung aber vielleicht Linderung verschaffen.

‚Ich möchte zurückgehen in der Zeit‘ ist ein sehr intensives Buch. Doch was mir die ganze Zeit durch den Kopf ging: Ist dieses Buch nicht viel zu intim? Viel zu aufwühlend für die Verwandten, die sich der Geschichte nicht stellen wollen? Ich hätte mir hier vielleicht eine deutlichere Fiktionalisierung gewünscht.

Als Leserin fühle ich mich als Voyeur. Anders als die Autorin möchte ich es ihren Angehörigen gestatten zu schweigen; möchte nicht so nah an die private Geschichte der Familie herantreten, die gleichzeitig als Teil und Beispiel der kollektiven Schuld gelten kann. Leser*innen und Angehörige fühlen sich bedrängt, während die Autorin sich durch dieses unangenehme Fragen von ihrer Schuld befreit zu haben scheint.

Trotz oder gerade wegen dieses Zwiespalts muss man wohl sagen, dass Hermann hier ein herausragendes Werk gelungen ist. Ich bin sehr beeindruckt und weiß, dass das Gelesene noch lange nachhallen wird.