Sprachlich wunderschön, inhaltlich fade ...

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ICH MÖCHTE ZURÜCKGEHEN IN DIE ZEIT
Judith Hermann
ET: 25.02.26

Judith Hermann nähert sich in diesem Text ihrer eigenen Familiengeschichte. In diesem Buch folgt sie den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs als SS-Angehöriger im polnischen Radom stationiert war. Über diese Vergangenheit wurde in der Familie nie gesprochen; das Thema blieb ausgespart und hinterließ eine Leerstelle. Auch ihre Mutter kann oder will keine Antworten geben. Ausgangspunkt ihrer Suche ist ein Foto ihres Großvaters aus jener Zeit, aufgenommen in Radom in Polen.

Hermann reist nach Radom, streift durch die Stadt, besucht Orte, hält nach möglichen Spuren Ausschau und bleibt eine Weile dort. Später führt sie der Weg zu ihrer Schwester nach Italien. Dort tritt ein anderes Thema in den Vordergrund: der Tod. Gleichzeitig zeigt sich, dass das Verhältnis der beiden Schwestern angespannt ist.

Leider konnte mich das Buch nicht überzeugen. Über weite Strecken beschreibt die Autorin sehr detailliert ihren Alltag und viele beiläufige Beobachtungen. Ich hatte erwartet, sie auf eine ernsthafte Spurensuche in die Zeit des Nationalsozialismus zu begleiten und mich intensiver mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Stattdessen bleibt der Text für mich erstaunlich oberflächlich. Vieles wirkt lose aneinandergereiht, ohne dass sich daraus eine wirkliche inhaltliche Tiefe entwickelt.

Beim Lesen hatte ich häufig das Gefühl, dass sich die Autorin eher im Beschreiben von Momenten und Stimmungen verliert, anstatt den Fragen nachzugehen, die das Thema eigentlich aufwirft. Dadurch entstand bei mir der Eindruck, dass der Text inhaltlich kaum vorankommt.

Einzig die Sprache von Judith Hermann ist, wie so oft, sehr schön und literarisch. Sie schreibt ruhig, präzise und atmosphärisch.

Fazit:
Für mich bleibt ein sprachlich schönes, aber inhaltlich enttäuschend oberflächliches Buch, das die Möglichkeiten seines Themas kaum nutzt. Leseempfehlung für alle, die seichte Texte mögen und sich an einer sehr schönen, literarischen Sprache erfreuen.
2½/5