Über das Innenleben einer Frau angesichts vieler offen bleibender Fragen
"Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, aus wie wenig tatsächlichem Material aus der eigenen Familiengeschichte sich dennoch ein komplettes Buch machen lässt. Wenn man die Beschreibung auf der Rückseite des Buchumschlages liest, könnte man den Eindruck gewinnen, es würde in dem Buch hauptsächlich um die Aufarbeitung der Geschichte des Großvaters gehen. Wer sich hier spannende neue Erkenntnisse erwartet, dem sei schon an dieser Stelle gesagt, dass das Buch diese nicht liefern kann.
Das Buch ist in drei Teile geteilt, von denen der erste der längste und der dritte der kürzeste ist. Auf den ersten 70 Seiten des insgesamt nicht einmal 160 Seiten umfassenden Büchleins folgen wir der Autorin nach Radom, wo ihr Großvater, der lange vor ihrer Geburt gestorben ist und den sie deshalb nie persönlich kennen lernte konnte, als Mitglied der Waffen-SS stationiert war. Es kann vermutet werden, dass er in dieser Funktion in die Gräuel und Menschenrechtsverletzungen, die dort zur Zeit des Dritten Reiches verübt haben, aktiv involviert war. Genaueres darüber weiß die Autorin aber nicht, wissen wir als Leserinnen und Leser somit auch nicht und werden auch werden sie noch infolgedessen wir durch ihren Aufenthalt dort erfahren. Im Wesentlichen besteht dieser Teil des Buches aus einer durchaus atmosphärischen Beschreibung des Alleinseins der Autorin in Radom, während sie darauf hofft, dass sich allein durch ihre Präsenz in dieser polnischen Stadt ihr ein Weg zu Erkenntnissen über die Taten des Großvaters zeigt, was aber nicht wirklich geschieht: "... ich hatte angenommen, dass die Stadt auf mich gewartet hatte und mir eine Reihe notwendiger Schritte nun irgendwie diktieren, vorgeben würde, das tat sie aber nicht, also ging ich raus und machte mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war." (S. 19)
Sie sucht also nach irgendetwas und findet nicht wirklich. Meint, auch nach Jahrzehnten die beklemmende Atmosphäre der Stadt, in der einst so vielen Juden lebten und es nach deren Vertreibung und Ermordung in der NS-Zeit bis heute kaum mehr welche dort gibt, zu spüren. Sie beschäftigt sich mit sich selbst, liest Gedichte, spaziert herum, betrachtet das Foto des Großvaters, denkt über ihre Familie nach und über das, was in Radom passiert ist. Telefoniert mit der Mutter und fragt sie nach Erinnerungen an den Großvater, diese weicht aus und meint, sich nicht an viel erinnern zu können, sie hatte auch nicht viel gemeinsame Zeit mit ihm verbracht und war noch recht jung, als er starb. In der allerletzten Woche ihres Aufenthaltes tragen doch noch Bemühungen der Autorin Früchte und sie darf ein Museum besuchen, Fragen stellen, erhält eine Stadtführung eines Historikers und eine Einladung zu einem Sabbatessen. Leider erwähnt sie all dies nur in ähnlich kurzer Form, wie ich es hier schreibe und lässt uns Lesende nicht an diesen Erfahrungen und etwaigen Erkenntnissen daraus teilhaben.
Danach folgt ein geringfügig kürzerer Teil, wieder knapp 70 Seiten, bei dem die Autorin, weil es ihr so einfällt, von Krakau aus weiter Richtung Süden zu fahren, nach Napoli fährt, um die dort lebende Schwester zu besuchen. Auch hier geht es weiter viel um das Innenleben der Autorin und um deren Alltagsbeobachtungen. Wenn sich Substanzielles in diesem Teil verbergen sollte, dann in symbolischer Form, etwa in Vergleichen zur Arbeit der Schwester als Archäologin und zum ausgelöschten Pompeji oder zu einer Wohnung einer Verstorbenen, in der sich die Familie trifft. Mit viel Bemühung und eigener Interpretationsleistung kann man hier sicher einige interessante Vergleiche ziehen und diskussionswürdige Punkte finden. Über die Familiengeschichte der Autorin und insbesondere des Großvaters erfährt man in diesem Teil aber auch nichts Neues.
Am Ende gibt es dann noch ein sehr kurzes Kapitel mit einer Erzählung, die scheinbar in keinem näheren Zusammenhang zum Rest des Buches steht, bei der sich bei näherer Betrachtung aber ebenfalls Parallelen zu den anderen beiden Erzählsträngen finden lassen.
Wer etwas über Geschichte und tatsächliche Vergangenheitsaufarbeitung erfahren möchte, dem kann ich dieses Buch nicht empfehlen. Dafür gibt es inhaltlich viel zu wenig her. Auch ist es von der psychologischen Komponente her meiner Beurteilung nach wenig verallgemeinerbar für das Empfinden der Nachkommen dritter Generation aus möglichen Täterfamilien, dazu empfinde ich die Autorin und Ich-Erzählerin als deutlich zu speziell. Wer sich aber für die innere psychische Verfassung einer Frau interessiert und viele subtile, symbolische Bezüge mag, wird mit diesem Buch möglicherweise seine Freude haben.
Das Buch ist in drei Teile geteilt, von denen der erste der längste und der dritte der kürzeste ist. Auf den ersten 70 Seiten des insgesamt nicht einmal 160 Seiten umfassenden Büchleins folgen wir der Autorin nach Radom, wo ihr Großvater, der lange vor ihrer Geburt gestorben ist und den sie deshalb nie persönlich kennen lernte konnte, als Mitglied der Waffen-SS stationiert war. Es kann vermutet werden, dass er in dieser Funktion in die Gräuel und Menschenrechtsverletzungen, die dort zur Zeit des Dritten Reiches verübt haben, aktiv involviert war. Genaueres darüber weiß die Autorin aber nicht, wissen wir als Leserinnen und Leser somit auch nicht und werden auch werden sie noch infolgedessen wir durch ihren Aufenthalt dort erfahren. Im Wesentlichen besteht dieser Teil des Buches aus einer durchaus atmosphärischen Beschreibung des Alleinseins der Autorin in Radom, während sie darauf hofft, dass sich allein durch ihre Präsenz in dieser polnischen Stadt ihr ein Weg zu Erkenntnissen über die Taten des Großvaters zeigt, was aber nicht wirklich geschieht: "... ich hatte angenommen, dass die Stadt auf mich gewartet hatte und mir eine Reihe notwendiger Schritte nun irgendwie diktieren, vorgeben würde, das tat sie aber nicht, also ging ich raus und machte mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war." (S. 19)
Sie sucht also nach irgendetwas und findet nicht wirklich. Meint, auch nach Jahrzehnten die beklemmende Atmosphäre der Stadt, in der einst so vielen Juden lebten und es nach deren Vertreibung und Ermordung in der NS-Zeit bis heute kaum mehr welche dort gibt, zu spüren. Sie beschäftigt sich mit sich selbst, liest Gedichte, spaziert herum, betrachtet das Foto des Großvaters, denkt über ihre Familie nach und über das, was in Radom passiert ist. Telefoniert mit der Mutter und fragt sie nach Erinnerungen an den Großvater, diese weicht aus und meint, sich nicht an viel erinnern zu können, sie hatte auch nicht viel gemeinsame Zeit mit ihm verbracht und war noch recht jung, als er starb. In der allerletzten Woche ihres Aufenthaltes tragen doch noch Bemühungen der Autorin Früchte und sie darf ein Museum besuchen, Fragen stellen, erhält eine Stadtführung eines Historikers und eine Einladung zu einem Sabbatessen. Leider erwähnt sie all dies nur in ähnlich kurzer Form, wie ich es hier schreibe und lässt uns Lesende nicht an diesen Erfahrungen und etwaigen Erkenntnissen daraus teilhaben.
Danach folgt ein geringfügig kürzerer Teil, wieder knapp 70 Seiten, bei dem die Autorin, weil es ihr so einfällt, von Krakau aus weiter Richtung Süden zu fahren, nach Napoli fährt, um die dort lebende Schwester zu besuchen. Auch hier geht es weiter viel um das Innenleben der Autorin und um deren Alltagsbeobachtungen. Wenn sich Substanzielles in diesem Teil verbergen sollte, dann in symbolischer Form, etwa in Vergleichen zur Arbeit der Schwester als Archäologin und zum ausgelöschten Pompeji oder zu einer Wohnung einer Verstorbenen, in der sich die Familie trifft. Mit viel Bemühung und eigener Interpretationsleistung kann man hier sicher einige interessante Vergleiche ziehen und diskussionswürdige Punkte finden. Über die Familiengeschichte der Autorin und insbesondere des Großvaters erfährt man in diesem Teil aber auch nichts Neues.
Am Ende gibt es dann noch ein sehr kurzes Kapitel mit einer Erzählung, die scheinbar in keinem näheren Zusammenhang zum Rest des Buches steht, bei der sich bei näherer Betrachtung aber ebenfalls Parallelen zu den anderen beiden Erzählsträngen finden lassen.
Wer etwas über Geschichte und tatsächliche Vergangenheitsaufarbeitung erfahren möchte, dem kann ich dieses Buch nicht empfehlen. Dafür gibt es inhaltlich viel zu wenig her. Auch ist es von der psychologischen Komponente her meiner Beurteilung nach wenig verallgemeinerbar für das Empfinden der Nachkommen dritter Generation aus möglichen Täterfamilien, dazu empfinde ich die Autorin und Ich-Erzählerin als deutlich zu speziell. Wer sich aber für die innere psychische Verfassung einer Frau interessiert und viele subtile, symbolische Bezüge mag, wird mit diesem Buch möglicherweise seine Freude haben.