Verblassende Erinnerungen - allgegenwärtig

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toniludwig Avatar

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Nach zwei Romanen und mehreren Erzählbänden legt Judith Hermann bei S. Fischer ein schmales Bändchen mit dem bezeichnenden Titel >> Ich möchte zurückgehen in der Zeit << vor.
Die Autorin Judith Hermann ist in noch keinem ihrer Werke mit dem Strom geschwommen, ich wage sogar zu behaupten, es gibt eine typische Judith Hermann - Sprache in einem Duktus, der immer etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

Und die ist in der aktuellen Gegenwart mehr als wohltuend, denn die Kraft der Sprache begleitet uns auch in unseren Erinnerungen.
Und diese treiben die Autorin um, denn ihr Grossvater hatte eine Tätowierung auf dem Unterarm - keine als Inhaftierter in einem deutschen Konzentrationslager, sondern einen Hinweis auf die Zugehörigkeit in der Waffen-SS.
Es gab für ihn keinen Anlass, diese blassblaue Markierung nach Kriegsende entfernen zu lassen und seine Tochter, die Mutter der Erzählerin, wuchs damit auf.

Eben jene Mutter, die erste Ansprechpartnerin der Erzählerin, ist gleichwohl nicht nur von einem Gedächtnisverlust bedroht, sie ist auch eine Meisterin der Gleichgültigkeit und Verdrängung der Vergangenheit, begründbar in einem Prozess des Selbstschutzes.

Judith Hermann, die Erzählerin in diesem Buch, ist nicht gewillt, dies hinzunehmen, sie möchte herausfinden, was hinter der Fassade des Schweigens und des Nichtmehrwissenwollens steckt und so begibt sie sich für längere Zeit ins polnische Radom.
Die Stadt war vor dem Zweiten Weltkrieg ein lebendiges Zentrum jüdischer Kultur gewesen, an der Liquidierung von 33 000 Menschen war offenkundig auch der Großvater beteiligt, die Mörder prahlten mit ihren Taten.
Wer nicht auf dem Marktplatz erschossen wurde, wurde für ein Zwangslager oder eine Deportation nach Treblinka und Auschwitz selektiert.
Hermann folgt diesen Spuren, immer wieder mit ihrer Mutter telefonierend, die den Schleier der Verleugnung über diese Gespräche legt.
Sie versucht zu begreifen, scheitert jedoch immer wieder an der Sprachlosigkeit, auch der Einheimischen gegenüber der Deutschen.
Jene Trostlosigkeit wird gemildert durch die unmittelbar folgende Reise der Autorin ins italienische Napoli zu ihrer Schwester, die als Archäologin auf ihre Art auch die Vergangenheit erforscht und die italienische Lebensart einen freudvolleren Eindruck vermittelt.
Doch das distanzierte Verhältnis auch zu ihrer Familie lässt keinen von ihnen ihren Prägungen entkommen.

Die Leerstellen in unseren Biografien lassen sich nur füllen, wenn wir uns der Vergangenheit stellen, gegen die lähmende und verklärende Gleichgültigkeit aktive Zeiten der anteilnehmenden Interessiertheit und des Verstehens setzen.

Das gelingt Judith Hermann durch die Beschreibung des Alltäglichen der Gegenwart, die sie kunstvoll mit Reflexionen vergangener Erlebnisse verbindet, ohne für den Leser einfache Lösungen aufzuzeigen.

Denn klar ist auch - eine Haltung zu entwickeln, die einer geschichtlichen Wiederholung deutlich entgegentritt, lässt sich nur aus dem Verstehen der Vergangenheit begründbar entwickeln.