Vergangen und Vergessen im Heute

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In ihrem neuen Werk von Judith Hermann „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ nimmt uns die Autorin auf eine persönliche und allgemeingesellschaftliche Reise in ihre eigene und unsere Vergangenheit mit. Die Frage nach ihrem Großvater, der Mitglied der SS und am Aufbau eines polnischen Ghettos beteiligt war, führt sie nach Radom. Eine Stadt in Polen, ungefähr 100 km südlich der Hauptstadt Warschau gelegen. Und Hermann macht aus ihrem Großvater, der „keine Geschichte (hat), also kann ich keine aus ihm machen“, doch eine, die Geschichte ihrer Familie, in der nicht nur vergessen und verdrängt, sondern auch geschwiegen wird. Mit ihrer unnachahmlich schönen Sprache versucht sie die Geschichte ihres Großvaters aufzudecken, sucht die Orte und Plätze, an denen er gewesen ist oder gewesen sein muss, sucht das Gespräch mit ihrer Mutter, die sich nicht erinnert „Das kann irgendwie nicht sein.“. Für Hermann ist das unverständlich, denn er ist doch obwohl Vater, Bruder und Großvater doch auch „Täter“ gewesen. Die Widerstände in Radom, dass zu ihrem Radom wird, scheinen nicht überwindbar. Also reist Hermann über Krakau und Wien zu ihrer Schwester nach Napoli. Die Zeit und die Farben ändern sich, vom kalten tristen polnischen Winter geht es ins helle, sonnige, lebhafte Italien. Aber die Fragen nach Vergangenheit, Familien und Vergessen bleiben. Auch hier, im Haus der verstorbenen Agata Alba, ist die Vergangenheit im Heute präsent. Den Kontrapunkt bildet Hermanns Schwester, die, obwohl sie als Archäologin auch tief mit Vergangenem beschäftigt ist, frei von der eigenen Geschichte zu sein scheint.
Ein weiteres lesenswertes Buch, dass zum Nachdenken anregt, und mich zufrieden zurücklässt.