Spannend bis zum Schluss und tolles Setting

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Die Protagonistin Stella ist eine einsame junge Erwachsene, die ohne Eltern aufgewachsen ist, allein in einer kleinen Absteige lebt und keine wirkliche Bindungen zu anderen Menschen hat. Als also ein geheimnisvoller Retter mit Verheißung auf Erfüllung all ihrer Träume auftritt, ist es zu verlockend und trotz vieler Zweifel geht Stella mit dem Fremden mit nach Las Vegas, um einen Neustart als Sängerin in seiner gefeierten Illusionsshow zu wagen.
Klingt natürlich alles zu schön um wahr zu sein und es wird auch nicht so einfach sein, das ist dem Leser natürlich klar. Stella soll eine verschwundene Sängerin ersetzen, über die und deren Verschwinden es keinerlei Infos gibt. Ein Beigeschmack, der von Anfang an begleitet.

Die Geschichte ist sofort fesselnd. Die Autorin verwendet eine sehr bildreiche Sprache, die es mir als Leser ermöglicht, mir die ganze Szenerie und die Charaktere sehr deutlich vorzustellen. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen und wollte am liebsten sofort wissen, wie es weitergeht und alle Rätsel lösen. Man kann sich gut in Stella hineinzuversetzen, da ihr Innenleben sehr deutlich wiedergegeben wird. An manchen Stellen vielleicht etwas zu deutlich, es wird die ersten 50 Seiten etwas arg oft betont, dass Stella ja jederzeit auch wieder nach Seattle in ihr altes Leben zurückkehren kann, wenn sie kein Teil der Show sein möchte. Generell erstreckt sich ihr Misstrauen über die ganze erste Hälfte des Buchs. Es ist also stellenweise ziemlich repetitiv und hat mich manchmal eher zum Überfliegen des Textes gebracht. Gleichzeitig macht es Stella vielleicht "echter", weil ihre Zweifel nicht schnell abgefrühstückt werden, und es wohl den meisten in der realen Welt auch so gehen würde, in dieser Situation andauernd von starken Zweifeln begleitet zu werden.

Was ich schön finde: Auch das Innenleben des "Fremden", des Showleiters Levin bekommt viel Aufmerksamkeit - die Autorin arbeitet mit Perspektivenwechsel, was den Leser sogar noch tiefer in die Geschichte zieht und beide Protagonisten zugänglich und authentisch macht. Man bekommt dadurch auch viele "Happen" hingeworfen, die die Spannung schön aufbauen, ohne dass zu viel vorweggenommen wird. Das muss man dem Buch wirklich lassen: es bleibt spannend bis zum Schluss!

Die zentralen Themen in dem Buch sind, so wie ich sie verstehe, vor allem die Geheimnisse der Vergangenheit, zwischenmenschliche Beziehungen, die Fragen nach der eigenen Identität sowie die Geheimnisse um die Illusionsshow.

Und hier kommt leider der große Haken: Die Illusionsshow, die so gehypt wird und die den zentralen Knotenpunkt der ganzen Geschehnisse darstellt, bleibt total grau. Man möchte so gerne wissen, was die Show so besonders macht, was für Illusionen da eigentlich genau auftreten und wie die Akteure das Publikum so einbeziehen können, wie sie es tun, aber da werden nur an manchen Stellen im Buch ein paar Fachbegriffe aneinandergereiht und damit ist das ganze Thema erledigt. Es ist für mich als Leser nicht nachvollziehbar, was an der Show das Faszinierende ist, was pro Showtag tausende Zuschauer anzieht. Die Show bleibt absolut oberflächlich. Ein Beispiel: Wie die Akteure an ganze private Sätze, Erlebnisse und Geheimnisse der Zuschauer herankommen, wie sie also die Zuschauer vor der Show zum Reden bringen, bleibt unklar, obwohl genau dieser Punkt der zu sein scheint, der die Zuschauer reihenweise anzieht. Der Leser erfährt zwar schnell, dass alle Zuschauer vor der Show durch bestimmte Räume geschleust werden, die Teil der sogenannten Illusion Experience sind, und es wird auch erklärt, was ungefähr dort passiert, aber stimmig mit dem, was dann in der Show passiert, ist es eben nicht. Es wird auch öfter betont, dass man als Akteur der Show aufpassen muss, dass die Grenze zwischen Illusion und Realität für einen nicht verschwimmt, doch ist auch das für mich als Leser nicht nachvollziehbar, wieso diese Gefahr bestehen sollte. Die Show erscheint dem Leser eher als eine "Schall und Rauch"- Geschichte, definitiv nicht genug, um zu erklären, weshalb man den Bezug zur Realität verlieren sollte. Also schließe ich für mich als Fazit, dass dieser Satz (und seine häufigen Wiederholungen) nur dem Fortgang der Geschichte dient, eine Art Erklärung für etwas, was später folgt.

Tatsächlich schadet es aber insgesamt dem Leseerlebnis nicht zu sehr, weil es in dem Buch eben nicht zentral ist, was in der Show passiert. Sie bietet lediglich einen Rahmen für das ganze Drumherum. Es ist nur etwas schade, weil das Setting der Geschichte in Las Vegas und das Thema "Illusionsshow" im Rahmen einer durchaus auch romantischen Geschichte tatsächlich etwas ist, was aus der Menge hervorsticht. Und wenn dann genau die Show so unklar bleibt, hinterlässt es einen Beigeschmack.

Ein weiterer kleiner Punkt, den ich nicht verstehe: das Buch wird unter anderem mit dem Trope "haters to lovers" beworben. Aber das trifft nicht zu. Nicht im klassischen Sinn. Die Anziehungskraft ist direkt da zwischen den Protagonisten und das wird auch oft betont. Ein wirklicher "Hass" ist nicht zu spüren. Ist meiner Meinung nach also einfach nicht richtig bzw. irreführend von "haters to lovers" zu sprechen.

Mein Fazit ist:
Die Autorin hat ein spannendes, im Buchmarkt und in ihrem Genre ein auffälliges Thema gefunden, dass den Leser in den Bann zieht. Spannungsaufbau und Spannung zu halten ist nicht einfach, der Autorin ist das aber durch ihre Sprache, die Authentizität der Protagonisten und v.a. den Perspektivenwechsel aber wirklich super gelungen! Dass es also stellenweise repetitiv, etwas wirr oder unklar bleibt, ist zwar definitiv nicht perfekt, aber (für mich) auch kein Untergang, der das Leseerlebnis komplett zerstört. Ich persönlich freue mich schon sehr auf Band 2!