Nicht wie bei Goethe oder den Gebrüdern Grimm

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odile Avatar

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Die sechzehnjährige Zora sieht merkwürdige Wesen, die für andere Menschen unsichtbar sind. Sie nennt die bizarren Gestalten Grimmlinge, in Anlehnung an die Gebrüder Grimm. Diese ungewöhnliche Fähigkeit hat Zora schon häufig Ärger eingebracht, wirkt es doch befremdlich, wenn ein Teenager lauthals Selbstgespräche führt. Mittlerweile schafft sie es besser, mit ihrer Gabe klarzukommen. Doch vor 6 Monaten ist plötzlich Fee aufgetaucht und hat mit ihrer Bitte um Hilfe, Zoras Welt erschüttert. Seither sucht sie einen Weg, um dem kleinen geflügelten Wesen zu helfen, dessen Lebenskraft schwindet. Ein fehlgeleiteter Zauber des „Grimmlings“ Silas katapultiert Zora überraschend in Fees Heimat. Dort muss sie künftig die Umbra Academy besuchen, bis eine Rückkehr in die Menschenwelt möglich ist.

„Im Bann des Erlkönigs“ ist der 1. Band von Mina Roths neuer Young Adult-Fantasy-- Reihe. Mir hat die originelle Mischung aus Magie, Dark Academy, deutschen Märchen und Romantasy gut gefallen.

Die Erzählung entwickelt sich nicht allmählich, sondern beginnt ziemlich abrupt, ohne große Erklärungen. Zora findet sich überraschend in der Welt der Sagengestalten, Andraunen wie sie sich selbst nennen, wieder, die vom legendären Erlkönig beherrscht wird. Seit langem von der Menschenwelt getrennt, befindet sich sein Königreich irgendwo in der Ostsee. Zora erhält die Erlaubnis, gemeinsam mit andraunischen Jugendlichen, die Umbra Academy zu besuchen. Doch dieser Ort ist nicht nur eine Schule. Hier legen die Jugendlichen mittels protokollierter gefährlicher Rangkämpfe ihren Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie fest. Damit Zora überleben kann, wird sie von Kilian, dem Leibwächter von Silas, in Selbstverteidigung unterrichtet. Trotz vieler Probleme verliert Zora nie ihr Ziel, Fee zu helfen, aus den Augen. Dabei kommt sie einem üblen Komplott auf die Spur.

Mir gefällt Mina Roths Version der ziemlich düsteren Anderswelt. Hier werden deutsche Sagen und Märchen neu interpretiert. So wurde der Frosch zum Prinzen, weil er musste, nicht als Erlösung. Schneewittchen liegt mit Bissspuren am Hals in ihrem gläsernen Sarg, während Hänsel und Gretel auf die Hexe einstechen. Die Akademie ist ein gefährlicher, gleichzeitig aber auch faszinierender Ort, ebenso wie der Knochenwald, Fees Heimat. Die Kombination aus magischer Sagenwelt und alltäglichem Ambiente mit Smartphone und WLAN ist originell. Damit spricht die Autorin nicht nur Jugendliche an. Sie schreibt flüssig, fantasievoll und so bildhaft, dass sie mühelos das Kopfkino ihrer Lesenden aktiviert.

Zora ist sympathisch und taff, steht aber auch zu ihren Ängsten. Beeindruckend finde ich, wie sehr ihr Fees Schicksal am Herzen liegt und wie gut sie sich trotz aller Schwierigkeiten behauptet. Im Lauf der Geschichte entwickelt sie sich weiter, wächst und erfährt Wichtiges über sich selbst. Trotz ihrer prekären Situation gelingt es Zora sogar, Freunde zu finden. Der attraktive Kilian, zu dem sie sich spontan hingezogen fühlt, wirkt undurchsichtig auf mich. Er ist ein Grenzgänger, also das Kind von Andraunen und Menschen, und scheint ein Geheimnis zu verbergen. Auch die übrigen Protagonisten überzeugen in ihrer Vielfalt. Es macht Spaß, sie näher kennenzulernen.

Die Geschichte ist spannend und hat mich schnell in ihren Bann gezogen. Trotzdem hätte ich mir eine Einführung mit mehr Erklärungen gewünscht. Auch die Romanze entwickelt sich nicht, sondern ploppt einfach auf und scheint zunächst nur auf Äußerlichkeiten zu beruhen. Dagegen überzeugen Plot, Sprache, Atmosphäre und Worldbuilding ebenso wie die Protagonisten. Die fantastische Erzählung ist unterhaltsam und verfügt über einiges an Potenzial. Ausreichend Stoff für Fortsetzungen ist jedenfalls vorhanden. Ein Glossar wäre allerdings hilfreich, um den Überblick über die vielen magischen Kreaturen zu behalten.

„Im Bann des Erlkönigs“ endet mit einer Aussprache der beiden Liebenden. Und mit einer verstörenden Vision. Zweifellos liebt Kilian Zora. Aber wem gehört seine Loyalität?

Bei Teil 2 bin ich auf jeden Fall wieder dabei, weil es mich wirklich interessiert, wie Zoras Geschichte weitergeht. Obwohl oder weil ich nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehöre?