Ich hatte mir mehr erhofft!

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jadwiga Avatar

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. Wenn du Lust auf einen Roman hast, der sich dem Thema Kinderwunsch aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln nähert, ohne dabei allzu tief in die Abgründe dieses sensiblen Feldes vorzudringen, dann könnte „Im Leben nebenan“ genau das Richtige für dich sein.
Der Text liest sich angenehm flüssig und unterhaltsam, doch blieb für meinen Geschmack an manchen Stellen eine größere emotionale und gedankliche Tiefe aus, die der Thematik noch mehr Nachhall hätte verleihen können. 3/5 ⭐️

. Worum geht es genau…
Eines Morgens erwacht Toni nicht in ihrem eigenen Bett neben ihrem Partner, sondern mit einem Neugeborenen auf der Brust in einem ihr fremden Bett. Sie ist auf einmal in einem Leben gefangen mit Mann und Neugeborenen und weiß nicht genau was vor sich geht…
Während sich in einer Parallelwelt die zurückgebliebene Toni mit einem unerfüllten Kinderwunsch auseinandersetzten muss.

. In „Im Leben nebenan“ begleiten wir zwei Versionen derselben Frau…
zwei Antonias, die parallel durch einen prägenden Abschnitt ihres Lebens gehen und dabei unterschiedliche Wege einschlagen müssen. Besonders gelungen erscheint dabei die feine sprachliche Unterscheidung…
Während die eine Antonia genannt wird, tritt die andere als Toni auf. Dies ist ein schlichtes, aber wirkungsvolles Mittel, um die beiden Lebenslinien klar voneinander zu trennen.
. Doch genau an diesem Punkt beginnt auch meine Kritik. Toni bleibt über weite Strecken seltsam blass, fast schemenhaft. Es fehlt an emotionaler Tiefe, an jenen Momenten, in denen das Innenleben wirklich aufbricht. Immer wieder hatte ich das Gefühl…
Jetzt, gleich, öffnet sich etwas…
doch dieser Augenblick blieb aus. Stattdessen verharrt vieles an der Oberfläche.
Gerade die vielschichtige Gedankenwelt einer Frau mit unerfülltem Kinderwunsch, die ich erwartet hatte, entfaltet sich kaum. Die Schwere, die sich über eine Liebesbeziehung legen kann, wird zwar angedeutet, doch nie wirklich durchdrungen. Es bleibt beim Streifen, wo ein Eintauchen notwendig gewesen wäre. So viel verschenktes Potenzial. Wo sind die rohen Gefühle? Die Wut, die Verzweiflung, die Zerrissenheit? Der Zugang zu den Figuren blieb mir letztlich eher verwehrt.
In der Parallelwelt, in der ein Kind Teil von Antonias Leben ist, erhalten wir zwar etwas tiefere Einblicke in ihr Inneres. Dennoch schwingt stellenweise ein unterschwelliges Idealbild mit…
ein leises „So sollte es sein“, vermittelt durch Antonia selbst und ihrer Schwiegermutter. Gerade hier hätte die Gegenüberstellung beider Lebensentwürfe mehr Mut zur Differenzierung, mehr Individualität und Widersprüchlichkeit verdient, um die Vielfalt weiblicher Erfahrungen authentischer abzubilden.
. Unbestritten ist hingegen die sprachliche Qualität des Romans! Der Schreibstil ist angenehm, klar und fließend, sodass man mühelos von Seite zu Seite voranschreitet. Die Lektüre gestaltet sich leicht und zugänglich.
. So bleibt „Im Leben nebenan“ ein unterhaltsamer Roman, besonders für jene, die sich dem Thema eher behutsam nähern möchten.
Letztlich lässt sich sagen…
Sauer greift ein bedeutsames Thema auf, sodass dieser Roman gerade für junge Frauen, aber auch für Männer, durchaus aufschlussreich und augenöffnend sein könnte. Doch für mich bleibt die Auseinandersetzung mit der Thematik „Kinderwunsch und Kinderwunschbehandlung“ zu zaghaft, zu wenig durchdrungen.
Schade eigentlich…
ich hatte mir mehr erhofft!