Verpasste Chancen in der Parallelwelt

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mariehal Avatar

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Anne Sauers „Im Leben nebenan“ beginnt mit einer faszinierenden Prämisse: Toni wacht eines Tages nicht in ihrem gewohnten Alltag auf, sondern findet sich in einer Parallelwelt wieder – als Mutter, in einer geordneten bürgerlichen Existenz, mit dem Mann an ihrer Seite, den sie einst geliebt hat. Was wie der Auftakt zu einem packenden Gedankenexperiment klingt, entwickelt sich schnell zu einem sehr eng gefassten Roman mit einem klaren Fokus: dem Muttersein/Kinder bekommen – in all seinen Facetten.

Die Idee, alternative Lebenswege zu erkunden, hat mich sehr angesprochen. Umso enttäuschter war ich, dass sich das Buch fast ausschließlich um das Thema Mutterschaft dreht und nur eine sehr kurze Zeitspanne behandelt. Die Erzählung bleibt dadurch recht einseitig, anstatt das Potenzial der Prämisse über mehrere Lebensphasen hinweg auszuloten. Eine Entwicklung über Jahre oder Jahrzehnte hätte der Geschichte mehr Tiefe und Vielschichtigkeit gegeben. So wirkt das Buch stellenweise eher wie ein persönliches Gedankenexperiment als ein voll entwickelter Roman.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die zahlreichen detailreichen Szenen, etwa im Drogeriemarkt, die mir teilweise zu ausschweifend geraten sind. Diese Passagen bremsen die Erzählung eher aus, ohne ihr einen spürbaren Mehrwert zu geben.

Positiv hervorzuheben ist der leichte, humorvolle Stil und der sensible Blick auf die Ambivalenzen des Mutterseins. Wer genau danach sucht, wird hier sicher fündig. Wer sich jedoch auf ein komplexeres Spiel mit Parallelwelten und eine tiefere Charakterentwicklung freut, könnte enttäuscht werden.