Frauen im Wald
Ich kenne und liebe die beiden ersten Romane von Jarka Kubsova. „Marschlande“ hat bei mir noch einen größeren Eindruck hinterlassen als „Bergland“. Dementsprechend groß war meine Vorfreude und hoch meine Erwartungen.
Wie immer verknüpft die Autorin Frauenschicksale aus verschiedenen Zeiten miteinander, spiegelt sie im jeweilig anderen, so auch hier.
Die Schriftstellerin Elli Hajek, Ich-Erzählerin im Roman, ist an einem Tiefpunkt angelangt. Ihr einziges Kind Klara, das sie allein großgezogen hat, ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, um in der Stadt zu studieren. Eine Lücke hat sich aufgetan, verstärkt auch dadurch, dass die Tochter offensichtlich die Distanz zur Mutter braucht. Gleichzeitig befindet sich Elli in einer Schaffenskrise. Der neue Roman soll endlich die Kritiker zum Schweigen bringen, die ihr mangelnde Tiefe vorwerfen. Doch sie kommt einfach nicht voran beim Schreiben. Deshalb mietet sie sich in einem Häuschen im Wald ein. Hier sucht sie die nötige Ruhe für ihre Arbeit, ohne die üblichen Ablenkungen. Jan, mit dem sie seit fünf Jahren ihr Leben teilt, ist konsterniert, war doch eigentlich eine gemeinsame Wohnung geplant.
Hier nun, in der Abgeschiedenheit ihres neuen Zuhauses, suchen Elli die Gespenster ihrer Vergangenheit heim. Zu den Erinnerungen zählen auch die Märchen und Geschichten, die ihre Großmutter ihr früher erzählt hat. Eine Figur daraus, die Viktorka aus dem tschechischen Klassiker „ Babička“ von Božena Němcová, lässt sie nicht mehr los. Viktorka war eine junge Frau, die von ihrer Umgebung für eine Verrückte gehalten wurde und die sich nach einem einschneidenden Erlebnis in die Wälder des Riesengebirges zurückzog, wo sie früh starb. Als Elli erfährt, dass es sich bei der besagten Viktorka um eine historisch verbürgte Figur handelt, die in Wirklichkeit bis ins hohe Alter im Wald lebte und dass das ihr zugeschriebene Verbrechen sich ganz anders dargestellt hat, beschließt sie nach Tschechien zu reisen, um mehr über diese Frau zu erfahren. Doch um hinter Viktorkas Geheimnis zu kommen, muss Elli bei Božena Němcová beginnen, die ihr ein literarisches Denkmal setzte.
Jarka Kubsova bedient sich bei ihrer Erzählstruktur am Prinzip der Matroschka-Püppchen. In jeder der Puppen verbirgt sich ein weiteres Püppchen.
Bei Ellis Recherchen in jenem Tal, in dem einst Viktorka gelebt hat, begegnet ihr im Wald eine alte Frau, die ihr, wie im Märchen, eine Aufgabe zuweist: „Finde die Wahrheit über dich heraus.“ Denn: „Bevor man die Geheimnisse von anderen lüftet, sollte man doch vielleicht seine eigenen kennen,…“
Und so verschränkt Jarka Kubsova die Biographien dieser drei Frauen.
Elli ist, wie auch die Autorin, als Kind mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei geflohen, ein für alle dramatisches und später verdrängtes Erlebnis. Besonders schwer wog für Elli, dass sie ihre geliebte Großmutter ohne Abschied zurücklassen musste.
Was Jarka Kubsova hier erzählt, ist die Geschichte einer Migration, die man so ähnlich schon öfter gelesen hat, die aber trotzdem nicht weniger berührt. Sie schreibt von der Anpassungsleistung der Eltern, die alles Tschechische abstreifen - die Sprache, die Kultur, das Essen- um nur nicht unangenehm aufzufallen. Elli, die ursprünglich Eliška hieß, bekommt von den Behörden einen deutschen Namen zugewiesen. Das ist gut gemeint, um die Integration zu vereinfachen, nimmt dem Betroffenen aber ein Stück Identität.
Auch das Gefühl, nirgends dazuzugehören, der ursprünglichen Heimat entfremdet, in der neuen nicht wirklich angekommen zu sein, teilt Elli mit vielen Migranten.
Indem Elli aber immer mehr über Viktorka und Božena Němcová herausfindet, desto besser versteht sie sich selbst. Und am Ende kann sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen, all den verdrängten Gefühlen, der Scham, der Schuld, dem Schmerz.
Jarka Kubsova entwickelt ihre Geschichte kunstvoll, aber nicht alles hat mich völlig überzeugt.
Während sie in „Marschlande“ mit der ebenfalls historisch verbürgten Abelke Bleken eine unvergessliche Figur geschaffen hat, so kamen mir hier Viktorka und Božena Němcová nicht wirklich nahe. Das mag daran gelegen haben, dass deren Biographien mehr referiert als plastisch dargestellt wurden.
Jarka Kubsova greift in diesem Roman auch auf Elemente des magischen Realismus zurück. Damit tue ich mich grundsätzlich schwer. Gerade auch, wenn sie wie hier eher unvermittelt und willkürlich in den ansonsten realistischen Text eingefügt werden.
Märchen und Märchenmotive spielen als verbindendes Element eine wichtige Rolle im Roman. Ebenso der Wald, der für Elli und Viktorka gleichermaßen Bedeutung hat. Für Viktorka ist er zuerst ein Ort der Verbannung, dann ein Ort, in dem sie endlich frei sein kann. Elli sucht Ruhe und Zuflucht im Wald, später wird er für sie zu einem mystischen Raum, der sie zwingt, sich ihrer Traumata zu stellen.
Ingesamt ist Jarka Kubsova auch hier wieder ein lesenswerter Roman gelungen, der mit einer poetischen und atmosphärischen Sprache und einer komplexen Struktur zu überzeugen weiß. Dabei verhandelt er auf unterhaltsame Weise spannende Fragen und Themen, wie die von Identität, weiblicher Selbstbehauptung, von Migration und Vergangenheitsbewältigung .