Gelungenes Spiel mit Fiktion und Realität

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christian1977 Avatar

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Schriftstellerin Eliška ist verzweifelt. Zu ihrer Tochter hat sie kaum noch Kontakt und auch die Beziehung zu Jan ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Nun plagt sie auch noch eine Schreibblockade, dabei erwartet ihre Lektorin schon bald die Abgabe des neuen Romans. Sie mietet ein Waldhaus an und erhofft sich dadurch einen frischen Geist. Doch schon bald spukt Viktorka in ihren Gedanken umher, eine Romanfigur, an die sie seit vielen Jahren nicht gedacht hat. Aber ist diese Viktorka wirklich nur Fiktion? Oder hat es sie vielleicht doch gegeben? Eliška macht sich auf in die böhmischen Wälder, in denen Viktorka einst gelebt haben soll - und findet dort zwischen Märchen und Folklore auch ihre eigene Geschichte…

“Im Licht des neuen Tages” ist der neue Roman von Jarka Kubsova, der bei S. Fischer erschienen ist. Kubsova wagt darin ein gelungenes Spiel mit Fiktion und Realität, bei dem die Grenzen mit zunehmender Dauer immer mehr verschwimmen. Insbesondere die Kapitel, die sich auf der Metaebene mit der Figur Viktorka, der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová und deren Roman “Die Großmutter” befassen, sind äußerst stark und machen nicht nur Lust, Kubsovas Ich-Erzählerin zu folgen, sondern sich auch mit dem Klassiker zu beschäftigen, der in Tschechien zum Kulturgut zählt und Schullektüre ist.

Der Leser begleitet Eliška mit Spannung und Empathie in die verschiedenen Wälder, die Schauplatz der 300 Seiten sind. Dabei entstehen eindrucksvolle Bilder im Kopf, weil Kubsova äußerst plastisch und poetisch schreibt. Gewagt und kunstvoll ist zudem der Aufbau des Romans. Innerhalb von Eliškas Erzählung entstehen nämlich nach und nach weitere Ebenen, die Kubsova miteinander verbindet. Neben einem Blick auf die Autorin Němcová und ihre Großmutterfigur gibt es einen Jäger, der im “Großmutter”-Roman die Geschichte der Viktorka erzählt. Viktorka ist so etwas wie die eigentliche Protagonistin, nicht nur bei Němcová, sondern vor allem auch bei Kubsova. Es ist sowohl Eliška als auch Jarka ein großes Bedürfnis, das Bild dieser Frau geradezurücken. Bei Němcová ist Viktorka eine verrückt gewordene Kindsmörderin, die sich in die Wälder zurückgezogen hat, weil sie den Umgang der Menschen fürchtete. Jarka Kubsova erzählt hingegen eine ganz andere Geschichte der Frau.

Stark ist auch, wie die Erzählfäden zunächst parallel verlaufen und sich dann wie von selbst miteinander verknüpfen. So hatte auch Eliška eine Großmutter, die ihr abends die schönsten Geschichten erzählte. So zieht auch sie sich in die Wälder zurück wie Viktorka. Irgendwann wird Viktorka in “Im Licht des neuen Tages” selbst zur Ich-Erzählerin und Eliška verläuft sich im Wald. Auf der Metaebene bildet sich so eine Art literarischer Matrjoschka-Figur, die ihrerseits im Roman eine zentrale Rolle spielt. Nach und nach geht es dabei immer mehr um das zentrale Thema Herkunft und Identität - bei Viktorka und eben auch bei Eliška. Die Lebensläufe der beiden Frauen nähern sich immer stärker an.

Ein wenig schade ist, dass Kubsova dieses literarische Vexierspiel nicht über die gesamte Dauer durchhält. So nimmt beispielsweise ausgerechnet das schwächste Kapitel, in dem Eliška sich im Wald verläuft und jammernd und klagend ausharrt, den größten Raum ein. Eine weitere kleine Schwäche ist, dass die Autorin es manchmal mit dem Stilmittel der rhetorischen Frage und der Fülle an poetischen Adjektiven übertreibt.

Insgesamt täuschen diese Aspekte aber kaum darüber hinweg, dass “Im Licht des neuen Tages” ein berührender Roman ist, der sich den Themen Weiblichkeit und Identität widmet und zeitgleich eine große Liebeserklärung an die Literatur ist. Bei mir ist die Botschaft angekommen und Němcovás “Großmutter” erfreut sich mittlerweile eines Platzes in meinem Bücherregal.