Geschickte Verknüpfung - sprachlich wie inhaltlich
In ihrem neuen Roman weicht Jarka Kubsova sowohl formell als auch inhaltlich ein wenig von ihrem Erfolgsrezept der ersten beiden Romane ab. Nicht zum Nachteil, nach meinem Ermessen.
Erneut stehen im Zentrum des Romans zwei Frauen in verschiedenen Zeiten. Die eine ist die Ich-Erzählerin Elli, die als Kind mit den Eltern aus Tschechien floh und nun als Schriftstellerin Orientierung sucht, nachdem ihre Tochter ausgezogen ist und den Schritt in die Erwachsenenwelt tut. Als radikalen Schritt zieht Elli in eine Waldhütte, um am neuen Roman zu schreiben, sie wird allerdings durch Erinnerungen an die Märchen erzählende Großmutter davon abgebracht und widmet sich den alten tschechischen Märchen und ihrem Ursprung. Und die andere Frauenfigur ist Viktorka, die im beginnenden 19. Jahrhundert in Böhmen lebte und die nach einem schweren Schicksal in den Wald ging und fortan als verrückt verschrien war. Eigentlich sind es sogar drei Frauenfiguren, denn da ist noch Božena Němcová, die – jünger als Viktorka – eine Zeitgenossin von Viktorka war und posthum mit ihren aufgeschriebenen Märchen und Sagen zur tschechischen Volksheldin wurde. Während sich Elli ihrer Vergangenheit stellt, indem sie in die Märchenwelt und die tatsächlichen Wälder Tschechiens vordringt, eröffnet sich uns ein Bild von Frauen, die mehr sind, als ihnen zugetraut wird und die mehr zur Entfaltung brauchen, als ihre jeweilige Zeit ihnen ermöglicht.
Kubsova verwebt die Geschichten der drei Frauen in diesem neuen Roman eindeutig enger miteinander, als dies in den früheren Roman der Fall gewesen ist. Es gibt diesmal keine klar getrennten Erzählstränge, sondern ineinander geflochtene Lebenswege. Hier muss man beim Lesen sehr gut aufpassen, um mitzubekommen, von wem gerade die Rede ist. Zumal die Ich-Perspektive auch innerhalb des Romans abgegeben wird. Und so eng, wie die Geschichten der Frauen formell beieinanderliegen, so liegen sie auch inhaltlich beieinander. Die Loslösung von Kindern, der Umgang mit traumatischen Erlebnissen, der Wunsch nach einem „A Room of One's Own“, wie es Virginia Woolf nannte, was das große Konzept umreißt, dass eine Frau zum Schreiben andere Bedingungen benötigt, als ein schreibender Mann. Auch die Fluchterfahrung, die eng mit dem Konzept des tiefen, dunklen Waldes verbunden ist, und die bei der einen wie bei der anderen Frau zutrifft, wenn auch in anderem Ausmaße. All das verwebt Kubsova wirklich toll.
Als weitere Ebene sehe ich in diesem Roman das Spiel mit biografischen/historischen Überschneidungen und der Erfindung von Geschichten. Die Lebensgeschichte von Elli in unserer Gegenwart erinnert an den Eckpunkten sehr stark der Geschichte von Jarka Kubsova selbst. Und auch wenn die Autorin hier sicherlich stark aus eigenen Erfahrungen ihre Inspiration gezogen hat, so denke ich, sollten wir nicht in die Falle tappen, alles Eins-zu-Eins zu übernehmen und als wahr zu lesen. Denn so wie Božena Němcová mit der Wahrheit gespielt und diese im Sinne ihrer Geschichten verfälscht hat, so ist sicherlich folgende Textstelle auch auf Kubsovas Roman anzuwenden:
„Dann war genau das ihr Trick? Sie lässt es wie Erinnerungen aussehen, damit es echter wirkt?“ (S. 117)
Dieses Spiel mit historischen Fakten und Erlebtem sowie Erfindungen machen für mich diese an sich märchenhafte Erzählung zu etwas Besonderem. Und ich denke trotzdem, dass es ganz tief aus Kubsovas Innerem kommt, wenn sie im Roman schreibt:
„ Es gab und wird immer Menschen geben, die nie irgendwo dazugehören, egal wie sehr sie es ersehnen. Seltsamerweise kann einem dieser Zustand aber auch ein Zuhause werden.“
Somit scheint „Im Licht des neuen Tages“ der bisher wohl persönlichste und gleichzeitig „erfundenste“ Roman der Autorin sein. Beides kann wahr sein. Ich habe ihn sehr gern gelesen und würde ihn jederzeit weiterempfehlen, wenn man etwas über das Anderssein in der unmittelbaren Umgebung lesen möchte. Das Buch braucht etwas, um hineinzufinden, lohnt aber meines Erachtens definitiv die Lektüre.
4,5/5 Sterne
Erneut stehen im Zentrum des Romans zwei Frauen in verschiedenen Zeiten. Die eine ist die Ich-Erzählerin Elli, die als Kind mit den Eltern aus Tschechien floh und nun als Schriftstellerin Orientierung sucht, nachdem ihre Tochter ausgezogen ist und den Schritt in die Erwachsenenwelt tut. Als radikalen Schritt zieht Elli in eine Waldhütte, um am neuen Roman zu schreiben, sie wird allerdings durch Erinnerungen an die Märchen erzählende Großmutter davon abgebracht und widmet sich den alten tschechischen Märchen und ihrem Ursprung. Und die andere Frauenfigur ist Viktorka, die im beginnenden 19. Jahrhundert in Böhmen lebte und die nach einem schweren Schicksal in den Wald ging und fortan als verrückt verschrien war. Eigentlich sind es sogar drei Frauenfiguren, denn da ist noch Božena Němcová, die – jünger als Viktorka – eine Zeitgenossin von Viktorka war und posthum mit ihren aufgeschriebenen Märchen und Sagen zur tschechischen Volksheldin wurde. Während sich Elli ihrer Vergangenheit stellt, indem sie in die Märchenwelt und die tatsächlichen Wälder Tschechiens vordringt, eröffnet sich uns ein Bild von Frauen, die mehr sind, als ihnen zugetraut wird und die mehr zur Entfaltung brauchen, als ihre jeweilige Zeit ihnen ermöglicht.
Kubsova verwebt die Geschichten der drei Frauen in diesem neuen Roman eindeutig enger miteinander, als dies in den früheren Roman der Fall gewesen ist. Es gibt diesmal keine klar getrennten Erzählstränge, sondern ineinander geflochtene Lebenswege. Hier muss man beim Lesen sehr gut aufpassen, um mitzubekommen, von wem gerade die Rede ist. Zumal die Ich-Perspektive auch innerhalb des Romans abgegeben wird. Und so eng, wie die Geschichten der Frauen formell beieinanderliegen, so liegen sie auch inhaltlich beieinander. Die Loslösung von Kindern, der Umgang mit traumatischen Erlebnissen, der Wunsch nach einem „A Room of One's Own“, wie es Virginia Woolf nannte, was das große Konzept umreißt, dass eine Frau zum Schreiben andere Bedingungen benötigt, als ein schreibender Mann. Auch die Fluchterfahrung, die eng mit dem Konzept des tiefen, dunklen Waldes verbunden ist, und die bei der einen wie bei der anderen Frau zutrifft, wenn auch in anderem Ausmaße. All das verwebt Kubsova wirklich toll.
Als weitere Ebene sehe ich in diesem Roman das Spiel mit biografischen/historischen Überschneidungen und der Erfindung von Geschichten. Die Lebensgeschichte von Elli in unserer Gegenwart erinnert an den Eckpunkten sehr stark der Geschichte von Jarka Kubsova selbst. Und auch wenn die Autorin hier sicherlich stark aus eigenen Erfahrungen ihre Inspiration gezogen hat, so denke ich, sollten wir nicht in die Falle tappen, alles Eins-zu-Eins zu übernehmen und als wahr zu lesen. Denn so wie Božena Němcová mit der Wahrheit gespielt und diese im Sinne ihrer Geschichten verfälscht hat, so ist sicherlich folgende Textstelle auch auf Kubsovas Roman anzuwenden:
„Dann war genau das ihr Trick? Sie lässt es wie Erinnerungen aussehen, damit es echter wirkt?“ (S. 117)
Dieses Spiel mit historischen Fakten und Erlebtem sowie Erfindungen machen für mich diese an sich märchenhafte Erzählung zu etwas Besonderem. Und ich denke trotzdem, dass es ganz tief aus Kubsovas Innerem kommt, wenn sie im Roman schreibt:
„ Es gab und wird immer Menschen geben, die nie irgendwo dazugehören, egal wie sehr sie es ersehnen. Seltsamerweise kann einem dieser Zustand aber auch ein Zuhause werden.“
Somit scheint „Im Licht des neuen Tages“ der bisher wohl persönlichste und gleichzeitig „erfundenste“ Roman der Autorin sein. Beides kann wahr sein. Ich habe ihn sehr gern gelesen und würde ihn jederzeit weiterempfehlen, wenn man etwas über das Anderssein in der unmittelbaren Umgebung lesen möchte. Das Buch braucht etwas, um hineinzufinden, lohnt aber meines Erachtens definitiv die Lektüre.
4,5/5 Sterne