In der neuen Zeit, in der das Wünschen nur noch selten hilft...

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Ich habe dieses Buch geliebt. Jarka Kubsova verbindet in Im Licht des neuen Tages genau die Dinge, auf die ich immer anspringe: Gegenwart und Vergangenheit, historische Spurensuche, Familiengeschichte und eine beinahe vergessene Frau, über deren Leben wir heute nur noch in Fragmenten etwas wissen können.
Eli, Autorin mit Schreib- und Beziehungskrise, stößt auf die Geschichte von Viktorka Židová, die im 19. Jahrhundert in Böhmen lebte und durch Božena Němcovás Die Großmutter zur literarischen Figur wurde: verführt, verlassen, wahnsinnig geworden. Nur war Viktorka keine erfundene Figur. Sie hat wirklich gelebt – und das, was sich heute über ihr Leben rekonstruieren lässt, passt nicht sauber zu Němcovás Version.
Gleichzeitig führt Elis eigene Familiengeschichte zurück in die Tschechoslowakei und zu einer Flucht über den Eisernen Vorhang. Politische Grenzen, Migration und Herkunft greifen ebenso ineinander wie weibliche Lebensentwürfe und die Geschichten, die innerhalb von Familien weitergegeben oder verschwiegen werden. Gerade diese Verbindung mochte ich sehr: Geschichte ist hier keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern etwas, das sich durch Biografien und Generationen bis in die Gegenwart fortsetzt.
Am spannendsten wurde der Roman für mich aber dort, wo er die Frage aufwirft, was Literatur den realen Menschen schuldet, die sie zum Stoff macht. Němcová hat Viktorkas Leben nicht dokumentiert, sondern daraus Literatur gemacht. Ihre Version hat sich über Generationen ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben, während die reale Frau dahinter beinahe verschwand. Gleichzeitig war Němcová selbst eine Frau des 19. Jahrhunderts, die unter den Bedingungen ihrer Zeit schrieb und sich ihren Platz als Schriftstellerin erst erkämpfen musste.
Kubsovas Versuch, die reale Frau hinter dieser literarischen Figur wieder sichtbar zu machen, fand ich deshalb wahnsinnig spannend – gerade weil auch die „wahre“ Viktorka heute nur noch aus Fragmenten rekonstruiert werden kann. Was bleibt, sind verschiedene Versionen einer Frau, über die andere erzählt haben. Wie viel Wahrheit schuldet Literatur der Wirklichkeit? Und können wir 170 Jahre später überhaupt noch sauber trennen zwischen dem, was passiert ist, dem, was Němcová daraus gemacht hat, und dem, was wir heute darin lesen?
Das Buch hat damit etwas gemacht, das ich liebe: Es hat mich auf eine Spur gesetzt. Ich wollte wissen, wer Božena Němcová eigentlich war, wie sie gearbeitet hat und warum mir eine für die tschechische Literatur so bedeutende Frau bisher kaum begegnet war. Von dort war es nicht weit zu ihren Märchen, zu anderen Märchensammlerinnen und schließlich zu der Frage, wer all diese Geschichten eigentlich erzählt hat, bevor die Namen der berühmten Sammler darüberstanden.
Im Licht des neuen Tages hat mich deshalb nicht nur beim Lesen begeistert. Es hat dafür gesorgt, dass ich danach weitergelesen, recherchiert und Bücher bestellt habe. Und viel mehr kann ich von einem Roman eigentlich kaum verlangen.