Kindheitsmythen lösen Knoten

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scarletta Avatar

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Kunstvoll verwebt Jarka Kubsova Gegensätze wie Historie und Gegenwart, Realität und Mythos, Verdrängung und Erinnerung, Verhärtung und Auflösung von Knoten zu einem ganz besonderen Roman.

Anfangs schien es mir, dass ich gegen einen leisen Widerstand anlesen würde, als ich den Roman begann. Doch dann merkte ich, dass ich fast schon mit der angegriffenen Gefühlswelt des Hauptcharakters dieses Buches – Elli Hajek - mitschwinge. Denn die fiktive Schriftstellerin Elli befindet sich in einer Schaffenskrise und an einem persönlichen Wendepunkt in ihrem Leben.
Die Tochter, die sie allein aufgezogen hatte, ist fort und baut sich nun ihr eigenes Leben auf. In der Partnerschaft kriselt es, ihr Verlag terminiert unerbittlich Fristen für ein neues Buch und sie selber setzt sich durch eigene hohe Ansprüche an ihr neues Werk unter enormen Druck.

Ob Elli der spontane Rückzug in eine Hütte in der Waldeseinsamkeit zu mehr Tiefe, gefühlvollerem und wahrhaftigerem Schreiben verhelfen wird? Fast glaubt sie, die Fähigkeit zum Schreiben verloren zu haben. Auf der Suche nach Inspirationen kommen in der Natur Erinnerungen an traditionelle Märchen und Geschichten aus der Kinderzeit in ihr hoch. Mythen ihrer geliebten Großmutter, die sie damals im heimatlichen Tschechien zurückließen.
Sie macht sich auf eine schier magische Reise durch alte tschechische Märchen, ihre verdrängte Vergangenheit und ihre – fast - verlorene Heimat. Und wie wunderbar – sie nimmt uns mit, um die Schicksale dreier Frauen zu ergründen. Und eine davon ist sie selbst…

Da ich mich bislang noch nie mit tschechischer Literatur beschäftigt hatte, waren mir die klassischen Erzählungen Tschechiens aus der Feder von Božena Němcová unbekannt. Auch sie verkörpert ein bewegtes Frauenschicksal! Gerade in ihrem bekanntesten Werk „Die Großmutter“(„Babička“v. 1855) steigt aus einem idealisierten idyllischen Bild die Figur der Viktorka hervor.

Eigentlich hat Elli es bislang immer vermieden, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch dann reißen sie die Fragen um Viktorka, die sie nicht mehr loslassen, mit in einen Strudel, der seine ganz eigene Dynamik entwickelt.
Die Figur der Viktorka, aus Ellis Kindheitserzählungen ihrer tschechischen Großmutter soll tatsächlich existiert haben? Nichts hält Elli mehr, um diesem Rätsel auf die Spur zu gehen. Was verbirgt sich hinter der tragischen Sage um die wahnsinnige junge Frau, die allein und wild in den Wäldern Böhmens lebte? Um Viktorkas Geschichte auf den Grund zu gehen, muss Elli bereit sein, innere Widerstände zu lösen, Vergangenes, Unbewusstes und Verdrängtes aufzuarbeiten, Wunden zu heilen.
Der erste Schritt ist die Reise nach Tschechien, die Heimat aus der sie einst mit den Eltern floh und die sie seitdem gemieden hat.

Mich hat berührt, wie Elli Viktorka aus den alten Erzählungen befreit, die mehr über die damalige Gesellschaft aussagen, als über die nach Freiheit strebende, unabhängige starke Frau. Der Kontrast der Darstellung der Figur der Viktorka in den Sagen und der (literarisch hier niedergelegten) Realität ist wirklich erschütternd. Nun bekommt die verkannte Viktorka eine eigenständige Stimme.

Doch im böhmischen Wald wartet nicht nur die Aufgabe, eine überlieferte Geschichte zu korrigieren. Denn Elli lernt: bevor man die Geheimnisse anderer lüftet, sollte man seine eigenen kennen.
„…es braucht viel Mut, sich seine finsteren Seiten anzusehen und die Wahrheit auszuhalten.“ S. 206
Neben dem Schicksal der Schriftstellerin und Sammlerin von Volksmärchen Božena Němcová und der „Waldfrau“ Viktorka (historisch Viktorie Židová) bewegt mich gerade dieser Aufarbeitungsprozess der Eliška Hájková, die in der Überanpassung an die neue Heimat Deutschland zu Elli Hajek wurde.

In das Schicksal der Hauptfigur Elli ist vermutlich viel Biographisches aus der Kindheit der Autorin geflossen, die selber 1987 als Kind mit den Eltern aus dem tschechischen Pilsen nach Deutschland geflohen ist. Umso authentischer und berührender kommen die geschilderten Erlebnisse um das fast brutale Abstreifen der Heimat, dem Neuanfang, der fast vollkommenen Assimilation unter Selbstaufgabe rüber. Da werden viele Themen berührt, die derzeit von größter Aktualität sind: Herkunft, Verdrängung, Forderungen von Familie und Gesellschaft, die Notwendigkeit, sich der eigenen Wurzeln mit liebevollem Blick zuwenden zu können.

Es ist nicht nur die Suche nach der eigenen Identität, sondern auch die spannende Bedeutung der über Generationen weitergegebenen Erzählungen, Mythen, Erinnerungen. Unbewusst begleiten sie die Menschen und prägen sie. Den Ansatz fand ich sehr innovativ, weil er oft unterschätzt wird.

Jarka Kubsova versteht auf sehr sensible und berührende Weise, reales Erleben mit einer fiktionalen Ebene zu verweben. Sie schreibt sehr eindrücklich und bildhaft, so dass man beim Lesen bald in einen Sog gerät. Mich haben immer wieder die spannenden Ideen und Lösungen überrascht, die Geschichte Viktorkas aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Auch die historischen Fakten sowie die Elemente aus der Literaturgeschichte sind sehr gut eingebunden.
Die Gefühle und inneren Konflikte der Charaktere gehen mir noch immer nach.

Selbst der Wald wird fast selber zu einem mythischen Charakter, der herrlich atmosphärisch beschrieben wird. Dazu passt das Cover, das mit einem stimmungsvollen Licht fast in einen Wald jenseits unserer Zeit lockt.
Ein Buch, das mich mit vielen Motiven überraschen und begeistern konnte. Zudem hat es meinen Blick in ein mir unbekanntes Tschechien gelenkt.