Viel Kitsch

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majca_ Avatar

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"Ich wünschte mir Haut aus Flechten und Rinde gegen die Kälte. Ich wollte aus Nebel sein und davonschweben. Ich wünschte mir Viktorkas Willen, den Mut einer Wilden Frau. Ich wünschte mir das Durchhaltevermögen eines Baums, die Widerstandskraft eines Farns. Ich wünschte mir die hellsichtigen Augen eines Kauzes und die fein justierten Ohren eines Luchses. Ich wollte das alles, damit ich die Nacht überstand, denn ich verstand jetzt: Wer im Wald überleben wollte, der musste Wald werden."


2.5 ★
Ich habe von der Autorin bereits ihr Buch Marschlande gelesen, in dem mir der historische Teil sehr gefallen hatte, während mir der Erzählstrang der Gegenwart dagegen gewöhnlich und austauschbar erschien. Und so war ich interessiert an ihrem neuesten Buch, aber nicht unbedingt gespannt darauf.

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Ähnlich verhält es sich auch mit Im Licht des neuen Tages.
Die Leseprobe hatte mir allerdings sehr zugesagt. Die Sprache trägt einen direkt in die Wälder, man spürt kleine Äste unter den Füßen brechen und riecht die feuchte, satte Luft. Es ist eine intensive, leicht entrückte Atmosphäre mit einem ausgeprägten märchenhaften Einschlag.

Das Märchenhafte ist auch der rote Faden, der sich durch die Geschichte zieht: Es ist die Erinnerung an ein tschechisches Märchen und dessen Autorin, die die Erzählerin zurück in die böhmischen Wälder führt, unweit ihres Geburtsortes. Ab hier verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Märchen, Gegenwart und Vergangenheit.

Leider fand ich das nicht überzeugend umgesetzt. Was mystisch und wundersam erscheinen soll, wirkt künstlich, theatralisch und ausgesprochen kitschig. Dasselbe trifft leider auf weite Teile der Entwicklung und Handlung der Protagonistin zu. So läuft sie beispielsweise nach einem klischeehaften Beziehungsstreit wütend in den Wald, verläuft sich, hat dort mehrere Heureka-Momente, bei denen sie aufspringt und ihre Erkenntnisse in den Wald ruft, merkt nicht, dass sie in einen Sumpf läuft, nur um schließlich zu beschließen, einem Irrlicht zu folgen.

Dabei bleibt sie als Person weitestgehend unbestimmt und unzugänglich, sodass mir ihre Gedankengänge und Emotionen häufig fremd blieben. Dass sie einen Partner und insbesondere eine Tochter hat, ist im Grunde irrelevant, da beide Figuren nur in Erscheinung treten, damit die Erzählerin eine „Lektion“ über ihre Beziehung zu ihnen lernen kann, die ihr wie Schuppen von den Augen fällt. Gerade bei der Beziehung zu ihrem Partner blieb für mich zudem völlig unklar, was die beiden eigentlich miteinander verbindet.

Mit Abstand am stärksten fand ich ihre Reflexionen über ihre Flucht nach Deutschland und die Auswirkungen, die diese auf ihre Familie und ihr Leben hatte.

Etwas mehr ausgearbeitet sind die beiden historischen Persönlichkeiten, die Autorin Božena Němcová und die reale Frau Viktorka, die eines ihrer Märchen inspirierte. Auch wenn ich durchaus gerne mehr über die beiden erfahren habe, war für mich allerdings häufig unklar, wo Fakten enden und Fiktion beginnt.

Auch die wiederkehrende Vorstellung des Waldes als Zufluchtsort für Frauen, fand ich spannend, allerdings romantisiert der Roman dabei meines Erachtens das Leben in der Wildnis doch enorm.

Schade, denn die Grundidee, das Setting, der historische Aspekt und besonders die Atmosphäre haben viel versprochen. Am Ende war es jedoch eher ein Selbstfindungsexkurs voller übersteigerte Metaphern und reichlich Kitsch als eine gelungene Verbindung aus Märchen, Geschichte und Gegenwart.