Zwischen Herkunft, Erinnerung und den Geschichten, die bleiben
Ich hatte zunächst ein wenig Mühe, in Jarka Kubsovas „Im Licht des neuen Tages“ hineinzufinden, weil Vergangenheit und Gegenwart eher flirrten als klar prägnant benannt waren. Doch gerade dieses langsame Herantasten erwies sich rückblickend als Teil der Wirkung des Romans. Irgendwann hörte ich auf, nach einer eindeutigen Trennlinie zwischen Realität und Überlieferung zu suchen, und konnte mich ganz auf die eigentümlich ruhige Atmosphäre der Geschichte einlassen.
Im Mittelpunkt steht Elli Hajek, eine Schriftstellerin, deren Leben an mehreren Stellen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ihre Tochter Klara ist ausgezogen, ihre Beziehung zu Jan scheint festgefahren, und auch mit ihrem Schreiben kommt sie nicht recht voran. Ausgerechnet in der Abgeschiedenheit eines Waldhauses möchte Elli den Roman schreiben, von dem sie überzeugt ist, dass er endlich wirklich gut werden muss. Die räumliche Entfernung von ihrem bisherigen Leben erweist sich jedoch nicht als Flucht vor ihren Problemen, sondern als Weg mitten hinein in jene Vergangenheit, die sie über Jahre möglichst sorgfältig auf Abstand gehalten hat.
Denn Elli trägt eine Geschichte mit sich, über die sie kaum spricht. Als Kind floh sie mit ihren Eltern aus der damaligen Tschechoslowakei nach Deutschland. Aus Eliška Hájková wurde bei ihrer Einbürgerung Elli Hajek. Eine scheinbar nebensächliche Veränderung, die im Roman jedoch eine enorme symbolische Bedeutung erhält. Mit der neuen Schreibweise ihres Namens verschwindet ihre Herkunft gewissermaßen aus dem offiziellen Leben. Niemand fragt mehr nach der Flucht, nach der alten Heimat, nach den zurückgelassenen Menschen. Elli selbst scheint diese Vergangenheit ebenfalls möglichst weit von sich geschoben zu haben.
Besonders eindringlich fand ich die Beziehung zu ihrer Großmutter. In den Erinnerungen an sie wird deutlich, dass Heimat für Elli nie nur ein geografischer Ort gewesen ist. Sie verbindet sich mit Geschichten, Märchen und einer Sprache, die mit ihrer Kindheit und ihrer Herkunft verbunden ist. Umso schmerzhafter wirkt der Brief mit dem schwarzen Rand, den Elli irgendwann erhält. In diesem Moment wird endgültig sichtbar, dass Verdrängtes nicht einfach verschwindet, sondern darauf wartet, wieder ins Bewusstsein zu treten.
Die zweite große Figur des Romans ist Viktorka, eine Frau aus einer alten böhmischen Überlieferung, die in Božena Němcovás berühmter Erzählung Babička als geheimnisvolle und schließlich als wahnsinnig geltende Gestalt erscheint. Elli kennt ihre Geschichte seit ihrer Kindheit und beginnt sich während ihres Aufenthalts im Wald intensiver mit ihr auseinanderzusetzen. Was zunächst wie eine literarische Recherche wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einer persönlichen Spurensuche. Je mehr Elli über Viktorka erfährt, desto deutlicher wird, dass sie sich nicht nur mit einer fremden Frau aus einer vergangenen Zeit beschäftigt, sondern mit Fragen, die unmittelbar mit ihrer eigenen Biografie zusammenhängen.
Gerade diese Verbindung hat mich am Roman besonders interessiert. Jarka Kubsova stellt die Frage, was geschieht, wenn die Geschichten, die wir über Menschen erzählen, nicht mit der Wahrheit ihres Lebens übereinstimmen. Wer entscheidet darüber, ob eine Frau als verrückt, schwierig oder unangepasst in Erinnerung bleibt? Und was geht verloren, wenn ihre eigene Stimme nicht überliefert wird? Viktorka wird dadurch zu weit mehr als einer historischen oder literarischen Figur. Sie wird zu einem Spiegel für Elli und zugleich zu einem Sinnbild für all jene Frauen, deren Leben von anderen erzählt und bewertet wurde.
Der Wald spielt dabei eine zentrale Rolle. Er ist nicht bloß Schauplatz, sondern entwickelt beinahe eine eigene Präsenz. Kubsova beschreibt ihn mit großer Sinnlichkeit. Licht, Geräusche, Feuchtigkeit, Moos, Tiere und die sich ständig verändernde Atmosphäre des Waldes werden so präzise eingefangen, dass ich beim Lesen häufig das Gefühl hatte, selbst dort zu stehen. Gleichzeitig besitzt dieser Ort etwas Unheimliches und Märchenhaftes. Je tiefer Elli in den Wald eindringt, desto mehr scheint auch die Grenze zwischen ihrer eigenen Realität und den Geschichten aus ihrer Kindheit zu verschwimmen.
Sprachlich hat mich der Roman vor allem durch seine Zurückhaltung überzeugt. Jarka Kubsova schreibt ruhig und präzise, ohne ihre Figuren oder ihre Gefühle unnötig auszuleuchten. Gerade dadurch entsteht eine besondere Nähe. Elli erzählt in einer Weise, die nicht darauf ausgerichtet ist, den Leser mit großen emotionalen Gesten zu überwältigen. Vieles bleibt leise, manchmal beinahe beiläufig und wirkt gerade deshalb nach. Besonders die Passagen über Ellis Herkunft und ihre ambivalente Beziehung zur eigenen Vergangenheit haben mich zunehmend berührt.
Allerdings würde ich das Buch nicht als durchgehend leicht zugänglich bezeichnen. Gerade zu Beginn empfand ich die Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen als etwas sperrig. Auch die längeren Passagen über Viktorka haben für mich stellenweise an Spannung verloren. Ich musste mich auf die Erzählweise erst einlassen und hatte zeitweise das Gefühl, noch nicht zu wissen, wohin mich die Geschichte eigentlich führen möchte. Im weiteren Verlauf empfand ich genau diese Offenheit jedoch zunehmend als Stärke.
Denn „Im Licht des neuen Tages“ ist letztlich kein Roman, der seine Themen in eindeutigen Antworten auflöst. Es geht um Herkunft und Entwurzelung, um die Frage nach der eigenen Identität und um die Macht der Geschichten, die wir über uns selbst und andere erzählen. Vor allem aber geht es um die Erkenntnis, dass Verdrängung zwar eine Form des Schutzes sein kann, irgendwann jedoch ihren Preis fordert.
Für mich war es deshalb vor allem ein Roman über das Wiederfinden der eigenen Geschichte. Elli muss nicht nur herausfinden, was mit Viktorka geschehen ist, sondern sich auch fragen, welche Teile ihrer eigenen Vergangenheit sie über Jahre verschwiegen hat und warum. Dass diese beiden Suchbewegungen miteinander verwoben werden, fand ich ausgesprochen gelungen.
„Im Licht des neuen Tages“ ist kein Buch, das mich vom ersten Kapitel an mühelos für sich gewonnen hat. Es hat vielmehr Geduld von mir verlangt. Gerade deshalb hat mich die Lektüre am Ende besonders überzeugt. Aus anfänglicher Distanz wurde allmählich Nähe, aus Verwirrung Interesse und schließlich ein Roman, über dessen zentrale Fragen ich auch nach der letzten Seite noch nachgedacht habe. Ein stilles, atmosphärisch dichtes Buch über Herkunft, Erinnerung und die Notwendigkeit, irgendwann die Geschichten selbst in die Hand zu nehmen, die andere über uns geschrieben haben.
Im Mittelpunkt steht Elli Hajek, eine Schriftstellerin, deren Leben an mehreren Stellen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ihre Tochter Klara ist ausgezogen, ihre Beziehung zu Jan scheint festgefahren, und auch mit ihrem Schreiben kommt sie nicht recht voran. Ausgerechnet in der Abgeschiedenheit eines Waldhauses möchte Elli den Roman schreiben, von dem sie überzeugt ist, dass er endlich wirklich gut werden muss. Die räumliche Entfernung von ihrem bisherigen Leben erweist sich jedoch nicht als Flucht vor ihren Problemen, sondern als Weg mitten hinein in jene Vergangenheit, die sie über Jahre möglichst sorgfältig auf Abstand gehalten hat.
Denn Elli trägt eine Geschichte mit sich, über die sie kaum spricht. Als Kind floh sie mit ihren Eltern aus der damaligen Tschechoslowakei nach Deutschland. Aus Eliška Hájková wurde bei ihrer Einbürgerung Elli Hajek. Eine scheinbar nebensächliche Veränderung, die im Roman jedoch eine enorme symbolische Bedeutung erhält. Mit der neuen Schreibweise ihres Namens verschwindet ihre Herkunft gewissermaßen aus dem offiziellen Leben. Niemand fragt mehr nach der Flucht, nach der alten Heimat, nach den zurückgelassenen Menschen. Elli selbst scheint diese Vergangenheit ebenfalls möglichst weit von sich geschoben zu haben.
Besonders eindringlich fand ich die Beziehung zu ihrer Großmutter. In den Erinnerungen an sie wird deutlich, dass Heimat für Elli nie nur ein geografischer Ort gewesen ist. Sie verbindet sich mit Geschichten, Märchen und einer Sprache, die mit ihrer Kindheit und ihrer Herkunft verbunden ist. Umso schmerzhafter wirkt der Brief mit dem schwarzen Rand, den Elli irgendwann erhält. In diesem Moment wird endgültig sichtbar, dass Verdrängtes nicht einfach verschwindet, sondern darauf wartet, wieder ins Bewusstsein zu treten.
Die zweite große Figur des Romans ist Viktorka, eine Frau aus einer alten böhmischen Überlieferung, die in Božena Němcovás berühmter Erzählung Babička als geheimnisvolle und schließlich als wahnsinnig geltende Gestalt erscheint. Elli kennt ihre Geschichte seit ihrer Kindheit und beginnt sich während ihres Aufenthalts im Wald intensiver mit ihr auseinanderzusetzen. Was zunächst wie eine literarische Recherche wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einer persönlichen Spurensuche. Je mehr Elli über Viktorka erfährt, desto deutlicher wird, dass sie sich nicht nur mit einer fremden Frau aus einer vergangenen Zeit beschäftigt, sondern mit Fragen, die unmittelbar mit ihrer eigenen Biografie zusammenhängen.
Gerade diese Verbindung hat mich am Roman besonders interessiert. Jarka Kubsova stellt die Frage, was geschieht, wenn die Geschichten, die wir über Menschen erzählen, nicht mit der Wahrheit ihres Lebens übereinstimmen. Wer entscheidet darüber, ob eine Frau als verrückt, schwierig oder unangepasst in Erinnerung bleibt? Und was geht verloren, wenn ihre eigene Stimme nicht überliefert wird? Viktorka wird dadurch zu weit mehr als einer historischen oder literarischen Figur. Sie wird zu einem Spiegel für Elli und zugleich zu einem Sinnbild für all jene Frauen, deren Leben von anderen erzählt und bewertet wurde.
Der Wald spielt dabei eine zentrale Rolle. Er ist nicht bloß Schauplatz, sondern entwickelt beinahe eine eigene Präsenz. Kubsova beschreibt ihn mit großer Sinnlichkeit. Licht, Geräusche, Feuchtigkeit, Moos, Tiere und die sich ständig verändernde Atmosphäre des Waldes werden so präzise eingefangen, dass ich beim Lesen häufig das Gefühl hatte, selbst dort zu stehen. Gleichzeitig besitzt dieser Ort etwas Unheimliches und Märchenhaftes. Je tiefer Elli in den Wald eindringt, desto mehr scheint auch die Grenze zwischen ihrer eigenen Realität und den Geschichten aus ihrer Kindheit zu verschwimmen.
Sprachlich hat mich der Roman vor allem durch seine Zurückhaltung überzeugt. Jarka Kubsova schreibt ruhig und präzise, ohne ihre Figuren oder ihre Gefühle unnötig auszuleuchten. Gerade dadurch entsteht eine besondere Nähe. Elli erzählt in einer Weise, die nicht darauf ausgerichtet ist, den Leser mit großen emotionalen Gesten zu überwältigen. Vieles bleibt leise, manchmal beinahe beiläufig und wirkt gerade deshalb nach. Besonders die Passagen über Ellis Herkunft und ihre ambivalente Beziehung zur eigenen Vergangenheit haben mich zunehmend berührt.
Allerdings würde ich das Buch nicht als durchgehend leicht zugänglich bezeichnen. Gerade zu Beginn empfand ich die Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen als etwas sperrig. Auch die längeren Passagen über Viktorka haben für mich stellenweise an Spannung verloren. Ich musste mich auf die Erzählweise erst einlassen und hatte zeitweise das Gefühl, noch nicht zu wissen, wohin mich die Geschichte eigentlich führen möchte. Im weiteren Verlauf empfand ich genau diese Offenheit jedoch zunehmend als Stärke.
Denn „Im Licht des neuen Tages“ ist letztlich kein Roman, der seine Themen in eindeutigen Antworten auflöst. Es geht um Herkunft und Entwurzelung, um die Frage nach der eigenen Identität und um die Macht der Geschichten, die wir über uns selbst und andere erzählen. Vor allem aber geht es um die Erkenntnis, dass Verdrängung zwar eine Form des Schutzes sein kann, irgendwann jedoch ihren Preis fordert.
Für mich war es deshalb vor allem ein Roman über das Wiederfinden der eigenen Geschichte. Elli muss nicht nur herausfinden, was mit Viktorka geschehen ist, sondern sich auch fragen, welche Teile ihrer eigenen Vergangenheit sie über Jahre verschwiegen hat und warum. Dass diese beiden Suchbewegungen miteinander verwoben werden, fand ich ausgesprochen gelungen.
„Im Licht des neuen Tages“ ist kein Buch, das mich vom ersten Kapitel an mühelos für sich gewonnen hat. Es hat vielmehr Geduld von mir verlangt. Gerade deshalb hat mich die Lektüre am Ende besonders überzeugt. Aus anfänglicher Distanz wurde allmählich Nähe, aus Verwirrung Interesse und schließlich ein Roman, über dessen zentrale Fragen ich auch nach der letzten Seite noch nachgedacht habe. Ein stilles, atmosphärisch dichtes Buch über Herkunft, Erinnerung und die Notwendigkeit, irgendwann die Geschichten selbst in die Hand zu nehmen, die andere über uns geschrieben haben.