Zwischen Märchen, Erinnerung & Wahrheit

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julicorn Avatar

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„Im Licht des neuen Tages“ war für mich ein atmosphärischer und ungewöhnlicher Roman, der mich vor allem durch seine Sprache und die besondere Verbindung von Märchen, Vergangenheit und Natur angesprochen hat. Dennoch musste ich leider feststellen, dass mich dieser Roman nicht ganz so stark erreichen konnte.

Im Mittelpunkt steht Elli Hajek, eine Schriftstellerin in einer persönlichen und kreativen Krise, die sich in ein abgelegenes Haus im böhmischen Wald zurückzieht. Dort wird sie zunehmend mit Erinnerungen an ihre Kindheit und mit der Geschichte der geheimnisvollen Viktorka konfrontiert, die ihr ihre Großmutter einst erzählt hat. Ellis Suche nach den Spuren dieser Frau führt sie dabei auch immer weiter in die eigene Vergangenheit.

Besonders gut gefallen hat mir die Atmosphäre des Romans. Jarka Kubsova beschreibt den Wald und die tschechische Landschaft so bildhaft und eindringlich, dass ich beim Lesen häufig das Gefühl hatte, selbst durch diese stillen, geheimnisvollen Orte zu gehen. Auch die märchenhaften Elemente passen sehr gut zu dieser Stimmung. Die Grenze zwischen überlieferter Geschichte, Erinnerung und Wahrheit verschwimmt immer wieder und macht gerade die Geschichte rund um Viktorka interessant.

Mit den verschiedenen Zeitebenen und Erzählperspektiven hatte ich allerdings stellenweise meine Schwierigkeiten. Gerade in der ersten Hälfte fiel es mir nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Auch Ellis Figur blieb mir emotional etwas zu fern. Ihre Gedanken und Entscheidungen konnte ich nicht immer nachvollziehen, weshalb ich ihre persönliche Geschichte weniger berührend fand als die historischen und märchenhaften Passagen rund um Viktorka und Božena Němcová.

Trotzdem hat mir Kubsovas Schreibstil allgemein gut gefallen. Ihre ruhige, beinahe poetische Sprache trägt viel zur besonderen Stimmung des Buches bei. Allerdings ist das Erzähltempo entsprechend langsam, und manche Beschreibungen und Themen wiederholen sich für meinen Geschmack etwas zu häufig. Hier hätte ich mir an einigen Stellen etwas mehr Dynamik gewünscht.

Das Cover finde ich sehr gelungen. Es greift die geheimnisvolle Stimmung und die zentrale Bedeutung des Waldes schön auf und passt dadurch hervorragend zum Inhalt.

Insgesamt ist „Im Licht des neuen Tages“ für mich ein ruhiger, märchenhafter und nachdenklicher Roman über Herkunft, Heimat, Erinnerungen und die Frage, wie aus einer wahren Geschichte mit der Zeit eine Legende werden kann. Nicht alle Erzählebenen haben für mich gleich gut funktioniert und besonders Ellis Geschichte konnte mich nicht vollständig überzeugen. Die Atmosphäre, die Sprache und Viktorkas Geschichte haben mich aber letztlich doch für das Buch eingenommen.

Ich empfehle den Roman vor allen, die ruhige Geschichten mit einer besonderen Atmosphäre, märchenhaften Elementen und historischen Bezügen mögen. Man sollte sich Zeit für das Buch nehmen und sich auf seine langsame Erzählweise einlassen. An sich ein lesenswerter und sprachlich wunderschöner Roman, der noch eine Weile nachklingt.