Zwischen Wald, Herkunft und der Suche nach sich selbst

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mrs.may.reads Avatar

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Elli steht an einem Wendepunkt. Ihre Tochter ist ausgezogen, ihr Partner Jan möchte mit ihr zusammenziehen, doch Elli braucht etwas anderes: Abstand, Ruhe und Raum für sich. Sie zieht sich in ein abgelegenes Haus im Wald zurück, in der Hoffnung, dort die nötige Tiefe für ihren neuen Roman und gleichzeitig ein Stück zu sich selbst zu finden.

Was mich an diesem Buch von Anfang an abgeholt hat, ist die Sprache. Die Autorin schreibt unglaublich bildhaft und atmosphärisch. Beim Lesen hatte ich den Wald förmlich vor Augen: das Moos unter den Füßen, die Feuchtigkeit, die Äste, die Tiere und diese ganz besondere Ruhe. Gerade die Naturbeschreibungen fand ich wirklich eindrucksvoll. Auch die Szenen rund um Ellis Familie und ihre Herkunft haben mich sehr interessiert. Besonders die Flucht ihrer Familie aus Tschechien nach Deutschland und die Auswirkungen, die diese Geschichte bis in die nächste Generation trägt, waren für mich mit Abstand die stärksten Passagen.

Auch Ellis Suche nach Selbstbestimmung, Identität und ihrem eigenen Platz im Leben fand ich spannend. Sie geht ihren Weg, auch wenn er für andere vielleicht unverständlich oder beängstigend ist. Gleichzeitig blieb sie mir emotional erstaunlich fern. Ich konnte viele ihrer Entscheidungen nicht immer nachvollziehen und hatte Schwierigkeiten, wirklich eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Auch die Beziehung zu Jan blieb für mich zu wenig greifbar.

Anfangs hatte die Geschichte für mich einen richtigen Sog. Ab der Mitte hat dieser allerdings deutlich nachgelassen. Die verschiedenen Zeitebenen, Rückblicke, Namen und tschechischen Begriffe haben es mir teilweise schwer gemacht, mich zu orientieren. Auch die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart, Märchenhaftem und Ellis eigener Geschichte verschwammen zunehmend. Grundsätzlich mag ich literarische Bücher und ungewöhnliche Erzählweisen, die mystischen Elemente waren mir hier irgendwann allerdings zu viel.

Trotzdem spürt man auf jeder Seite die Hingabe der Autorin. Ihre Beobachtungen sind detailreich und die Atmosphäre des Waldes ist wirklich besonders. Zum Ende hin wurde für mich vieles noch einmal runder, auch wenn sich die gesamte Geschichte für mich nicht vollständig erschlossen hat.

Ein atmosphärischer, naturverbundener Roman über Herkunft, Weiblichkeit, Identität, Selbstbestimmung und die Frage, wo man eigentlich hingehört.

„Doch das hier war kein Märchen. Das hier war das Leben. Und die Geschichte war an dieser Stelle noch nicht zu Ende.“

Wenn du literarische, ruhige und sehr atmosphärische Geschichten mit märchenhaften und mystischen Elementen magst und dich gerne tief in Naturbeschreibungen verlieren möchtest, könnte dieses Buch genau dein Ding sein. Für mich war es vor allem sprachlich und atmosphärisch besonders, emotional konnte es mich dagegen nicht ganz erreichen.