Macht, Vlogs und eiskalter Mord: Ein Kanzler unter Druck

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davina Avatar

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Der Einstieg in „Im Morgengrauen“ ist Marc Raabe meisterhaft gelungen. Er wirft den Leser direkt in zwei hochexplosive Erzählstränge: Auf der einen Seite die junge Kessy, die mit ihren Enthüllungsvideos über eine Affäre mit dem Bundeskanzler Henrik Westphal das Land erschüttert. Auf der anderen Seite das mysteriöse Verschwinden eben jenes Kanzlers wenige Wochen später. Die Leseprobe baut sofort eine enorme Spannung auf, da man sich unweigerlich fragt, wie die mediale Hinrichtung durch Kessy und das reale Abtauchen Westphals zusammenhängen.

Die Sprache ist, wie von Raabe gewohnt, präzise, modern und extrem filmisch. Besonders der Kontrast zwischen Kessys flapsigem „Influencer-Jargon“ in ihren Videos („Jeez!“, „Eintüten“, „Daddy-Vibes“) und der unterkühlten, strategischen Atmosphäre im Kanzlerbüro ist sprachlich brillant herausgearbeitet. Die kurzen Sätze im Kapitel „Morgengrauen“ spiegeln die Atemlosigkeit und die Kälte der Tatnacht perfekt wider.

Nach Abschluss der Leseprobe ist mein Interesse geweckt: Wer ist die Leiche im U-Bahn-Schacht, die das BKA als „Triple A“-Fall einstuft? Und was hat es mit dem „Leoparden“ auf sich, der seine Beute in der Tiefkühltruhe verstaut? Raabe legt so viele fesselnde Fährten aus, dass man das Buch am liebsten sofort zu Ende lesen möchte. Ein hochkarätiger Polit-Thriller, der die Mechanismen von Macht und Social Media geschickt verwebt.