Viel Potenzial, schlecht erzählt

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henrike von buchstabensalat.net Avatar

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Immortal Longings … Innerhalb kurzer Zeit ist dieses wieder ein Buch, mit dem ich nicht richtig warm geworden bin. Ich hatte mich nach dem Lesen des Klappentextes gefreut ein neues Buch mit Hunger-Games-Feeling zu lesen, was hier mit chinesischen Elementen verknüpft werden sollte. Dazu eine Liebesgeschichte, die scheinbar sogar den Tod überlisten würde – das Buch heißt ja wohl nicht umsonst Immortal Longings: meine Erwartungen waren groß.

Meine Enttäuschung war es leider auch. Denn ich habe über die ersten 30 Prozent des Buches hinweg kaum verstanden, was vor sich geht. Es gab viele ausschweifende Beschreibungen der Städte, des Königshauses und der Qi-Magie, die aber doch keine Magie, sondern Geburtsrecht ist, und nichts davon kam emotional irgendwie an mich heran. Wir starten mit dem Kronprinzen August und wechseln immer wieder die Perspektiven zwischen ihm, der Hauptfigur Calla (für mich ist sie die Hauptfigur, weil wir in ihrem Kopf am meisten Zeit verbringen) und Anton, einer weiteren wichtigen Person für die Handlung und Callas Love Interest.

Dabei erfahren wir nur von Calla genug, um mit der Zeit Nähe und ein gewisses Verständnis für sie herzustellen. Die beiden Männer bleiben fremd und beinahe anonym. Zwischendurch gibt es auch kurze Abstecher in andere Blickwinkel, deren Sinn sich für mich weder beim Lesen noch jetzt beim Schreiben der Rezension erschließt: Ja, die Personen haben Namen und spielen eine gewisse Rolle, aber ist es so wichtig, eine halbe Seite aus ihrem Blickwinkel zu lesen, dass ich dafür den Handlungsfluss meiner Hauptfigur unterbreche?

Und obwohl Calla nicht ganz so undurchsichtig ist wie die Männer, bleibt sie für mich sehr oberflächlich. Sie hat nur zwei wirkliche Bezugspersonen, die ihr aber nicht wirklich ebenbürtig sind und es deshalb infrage gestellt werden kann, wie familiär die Beziehung wirklich ist; sie lässt sich scheinbar ausschließlich von dem unerklärten Drang leiten, etwas Gutes für ihr Königreich zu erreichen, wobei ihr alle Mittel (und Morde) recht sind; sie hat einfach keinerlei Tiefgang.

Es gibt kurz vor Ende von Immortal Longings eine rückblickend erzählte Szene aus ihrer Kindheit, die ihre Motivation zu begründen versucht, aber das reicht für mich nicht aus, um ihr Verhalten zu erklären oder ihr als Charakter irgendwie mehr Facetten zu verleihen. Erst recht nicht so spät in der Geschichte.



Die Spiele selbst sind so, wie ich sie erwartet hatte: brutal, teilweise unnötig detailliert beschrieben und vom Kapitalismus gesteuert: entweder, weil die Kämpfenden keine andere Möglichkeit als die Teilnahme haben, um Schulden oder andere finanzielle Probleme zu lösen, oder weil sie gierig auf Macht und Reichtum sind. Die genauen Beschreibungen haben mich meistens gestört, weil sie schlicht zu lang wurden und die eigentlich atemberaubend schnellen Kampfszenen zu langsam und zäh machten; gleichzeitig haben sie mir ein stabiles Kopfkino verpasst. Hierin hat mich Immortal Longings manchmal an den Film 300 erinnert, mit seinen comichaft in Zeitlupe durchs Bild fliegenden Blutspritzern.

Interessant war das Springen zwischen Körpern mithilfe des eigenen Qi, der Lebensessenz, wodurch man oft nicht wusste, wer da eigentlich vor einem steht. Das war das einzige Element, das für mich wirklich Spannung erzeugt hat und einzigartig für diese Geschichte ist.

Mich hätte interessiert, wie die Pläne der unterschiedlichen Rebell:innen konkret aussehen, welche die nächsten Schritte nach „der König ist tot“ sein sollen. Während offenbar viele verschiedene Parteien mit dem aktuellen System und vor allem dem regierenden König so unzufrieden sind, dass sie jeweils ihre eigenen Putschversuche planen und umzusetzen beginnen, wird die angestrebte Zukunft nicht ein einziges Mal deutlich geplant. An Callas Stelle – und an der von jeder anderen beteiligten Person – würde ich zumindest wissen wollen, was mein Ziel ist; worauf ich hinarbeite und wen ich unterstütze. Aber Calla ist geblendet von der Aussicht, den König endlich tot zu sehen, und hinterfragt überhaupt nichts, während die anderen Figuren nicht durchblicken lassen, was sie eigentlich erreichen wollen.

Das war beim Lesen sehr frustrierend. Irgendwann hatte ich mir ein grobes Bild davon gemacht, wie gedrängt, dreckig und düster die Stadt ist, wie sehr sie sich von den Randprovinzen des Reiches unterscheidet und wie das Herrschaftssystem ungefähr aussehen müsste, und dann wurde ein neues Element beschrieben, das nicht in dieses Bild passen wollte. Die Autorin hat so viel Zeit damit verbracht, die Umgebung und die Kämpfe zu beschreiben, dass meiner Meinung nach das Erklären der Zusammenhänge in den Hintergrund rückte.

Zugegeben: Ich habe zwischen einzelnen Kapiteln das Lesen von Immortal Longings oft wochenlang pausiert, weil mich die Geschichte einfach nicht packen konnte und es mich, ganz direkt gesagt, auch nicht interessierte, wie es weiterging. Meine Verständnisschwierigkeiten hängen also bestimmt auch zum Teil damit zusammen, dass mir der Schreibstil nicht zusagte. Ich hing nicht an den Charakteren. Besonders schlimm war der Einstieg und erst nach etwa der Hälfte des Buches (als verschiedene Hintergründe angedeutet und zum Teil erklärt wurden) wurde ich wieder so neugierig wie beim Lesen des Klappentextes. Diese Spannung ging aber leider oft und schnell wegen des ausschweifenden Schreibstils wieder verloren.

Die Liebesgeschichte kam für mich sehr überraschend. Es fühlte sich an, als hätte ich etwas nicht mitbekommen; als hätte ich etwas überlesen in dem Versuch, die Zusammenhänge der verschiedenen Komplotte zu verstehen, oder als hätte ich in einer der langen Lesepausen ein Detail aus einem früheren Kapitel vergessen, und plötzlich wurde aus einem Funken der Anziehung ein erster Kuss und dann innerhalb kürzester Zeit ein Liebesgeständnis. Die im Klappentext von Immortal Longings als „leidenschaftliche, alles verzehrende Verbindung“ beschriebene Beziehung wirkte auf mich sehr körperlich, kurz und substanzlos.

Ich hätte es vorgezogen, wenn man auf diese romantische Liebe verzichtet und stattdessen eine platonische Freundschaft gewählt hätte. Calla sehnte sich nach Verbundenheit und Verständnis; Anton hat eigentlich schon jemanden, den er lieben kann. Für Callas finalen Konflikt – Liebe oder Königreich – verstehe ich, warum sich die Autorin für diesen Weg entschieden hat. Es wäre aber nicht weniger dramatisch oder bedeutsam gewesen, dafür in meinen Augen aber logischer, wenn Calla zwischen Königreich und der einen Person, die sie wirklich versteht und als den Menschen mag, der sie ist, entscheiden müsste.

Fazit

Kurzgefasst verschwimmt Immortal Longings für mich zu einer Masse aus detaillierten Kampfbeschreibungen, zu ausführlichen Stadtbeschreibungen, nicht ganz ausgereiften Intrigenbeschreibungen und viel zu wenig Charakter- und Motivationsbeschreibung. Ich konnte keine Nähe zu den Hauptfiguren aufbauen, sodass mir der eine oder andere schwere Schlag für unsere Held:innen total egal war. Es fiel mir schwer, am Ball zu bleiben und überhaupt über das erste Viertel des Buches hinauszukommen. Am Ende wurde ich vom Cliffhanger überrascht: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es eine Fortsetzung geben würde, und werde sie wohl auch nicht lesen. Trotz alledem sehe ich großes Potenzial in der Geschichte von Immortal Longings selbst – nur die Art und Weise, wie sie erzählt wird, sagt mir so gar nicht zu.