Ein eindrucksvolles Porträt der Nachkriegszeit

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MEINE MEINUNG
In ihrem berührenden Nachkriegsroman „In den Scherben das Licht“ erzählt Bestsellerautorin Carmen Korn von der Suche nach Zusammenhalt, Liebe und Neuanfang in einer durch den Krieg völlig aus den Fugen geratenen Welt, die sich mühsam aus den Trümmern eine neue Ordnung schaffen muss.
An der Seite der drei Hauptfiguren – der Kriegskindern Gisela und Gert sowie der ehemaligen Schauspielerin Friede Wahrlich – tauchen wir tief in das zerstörte Hamburg der unmittelbaren Nachkriegszeit ein und begleiten sie über fast ein bewegtes Jahrzehnt hinweg auf ihren eng miteinander verflochtenen Lebenswegen voller Brüche, Krisen und Neubeginne bis ins Jahr 1955.
Beginnend im eisigen Winter von 1946/47, inmitten der Trümmerlandschaft Hamburgs finden Gert und Gisela im Keller des teilausgebombten Hauses von Friede eine notdürftige Bleibe. Alle drei haben auf unterschiedliche Weise alles verloren, doch ihre gemeinsame Not schweißt sie zusammen und lässt sie entschlossen nach vorn blicken. Rund um Friedes Küche wächst allmählich aus der kleinen Zweckgemeinschaft eine Art Ersatzfamilie, die Mahlzeiten, Erinnerungen und Sorgen miteinander teilt. An ihrem Alltag aus leiser Hoffnung, stillen Freuden und Träumen nehmen wir ebenso teil wie an Entbehrungen, Enttäuschungen, existenziellen Sorgen, Verlusten und Schicksalsschlägen. Mit viel Empathie wirft Korn Schlaglichter auf eine Zeit, die überschattet ist von den Folgen des Krieges, von der verzweifelten Suche nach einem Rest von Menschlichkeit oder Zeichen von verschollenen Familienmitgliedern, geprägt vom Wunsch, das Erlebte hinter sich zu lassen, und von der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Der lebendige, prägnante Erzählstil eröffnet einen unmittelbaren Zugang zu dieser schwierigen Zeit voller Scherben, in der sich Alltag und Überlebenswille, Schmerz und Zuversicht auf berührende Weise durchdringen. In atmosphärisch dichten Szenen und mit liebevoll ausgewählten Details fängt Korn nicht nur das Lebensgefühl der Nachkriegsjahre, sondern auch das gesellschaftliche Klima jener Zeit überzeugend ein. Die geschickt mit den persönlichen Hintergrundgeschichten verwobenen Episoden sorgen für ein sehr eindrucksvolles, glaubwürdiges Zeitkolorit. In kurzen, rasch wechselnden Handlungssträngen erleben wir aus unterschiedlichen Perspektiven, was das Leben den drei Hauptfiguren an Herausforderungen, Wendungen und Überraschungen zumutet und wie sie sich im Lauf der Jahre verändern.
Immer wieder greift die Autorin auch schwierige Themen auf – etwa das Schicksal der vermissten Familienmitglieder, die quälende Ungewissheit ihrer Angehörigen, die Traumatisierung der Heimkehrer oder das allgegenwärtige Schweigen über Schuld und Mitläufertum.
Korn zeichnet ihre Figuren sehr einfühlsam und mit viel Gespür für Zwischentöne und Alltagsnuancen, sodass sie mit ihren Eigenheiten, Widersprüchen und liebenswerten Marotten zutiefst menschlich erscheinen. Gisela und Gert erleben wir als typische Kriegskinder, die deutlich gezeichnet sind von Verlusten, Misstrauen und früh erzwungener Selbstständigkeit, die aber auch erstaunlich leicht neue Bindungen eingehen können. Ein besonderes Highlight ist die wundervolle Figur der Friede Wahrlich, die mit ihrer eigenwillig-pragmatischen Art, ihrer Verletzlichkeit und einer beeindruckenden inneren Würde im Gedächtnis bleibt. Trotz eigener Wunden gelingt es ihr als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, den Menschen um sich herum ein Stück Normalität, Geborgenheit und Zuversicht zu vermitteln.
In kurzen Gesprächen, vagen Andeutungen und Rückblenden lässt Korn uns an den Hintergrundgeschichten ihrer Figuren teilhaben und verdichtet einfühlsam die einzelnen Schicksale zu einem vielschichtigen Gesamtbild, das auf erschütternde Weise aufzeigt, wie sehr der Krieg die Seelen und Biografien der Charaktere nachhaltig geprägt und zerstört hat. Eindringlich beleuchtet sie die schmale Gratwanderung zwischen Resignation, Trauer, Weiterleben und vorsichtiger Zuversicht, gefangen in schmerzlichen Erinnerungen und schützender Verdrängung.
Lediglich einige Nebenfiguren, die als Nachbarn, Freunde oder Kollegen für zusätzliche Facetten sorgen, hätten etwas mehr Tiefgang vertragen. Doch insgesamt fügt sich alles zu einem stimmigen, vielschichtigen Gesellschaftsbild der Nachkriegszeit, das von Wärme und leisen Tönen getragen wird.
Auch wenn dramatische Zuspitzungen und unerwartete Wendungen ausbleiben, versteht es Korn hervorragend, durch die Entwicklungen ihrer Figuren, ihre emotionale Wahrhaftigkeit und ihre stillen Konflikte zu fesseln.

FAZIT
Ein berührender, fein komponierter Nachkriegsroman über Verlust, Zusammenhalt, Menschlichkeit und vorsichtige Neuanfänge mit glaubwürdigen Figuren und tollem Zeitkolorit. Ein beeindruckendes, nuancenreiches Porträt einer Generation zwischen Erinnerung und Hoffnung.