Leben in Hamburgs Ruinen

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Hamburg, 1946. Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt die Stadt in Trümmern. Viele Menschen haben ihre Bleibe verloren und suchen in den Überresten der Mauern Schutz. Die erst 14-jährige Gisela hat im Bombenhagel sowohl ihre Mutter als auch ihre Schwester verloren. Ihr Vater gilt als verschollen. Als sie einen Keller entdeckt, hofft sie auf ein sicheres Zuhause. Allerdings wohnen dort schon die ehemalige Schauspielerin Friede und der 16-jährige Gerd. Auch Gerd hat im Krieg seine Familie verloren. Die drei kümmern sich umeinander und geben sich Halt in dieser schwierigen Zeit.

Carmen Korn beschreibt in In den Scherben das Licht Hamburg in der Nachkriegszeit. Rund zehn Jahre erleben die Leser den Wiederaufbau einer Stadt. Begonnen mit dem eisigen Winter 1946, in dem sämtliches Brennmaterial verheizt wurde, über den Marshallplan, die Währungsreform bis zum beginnenden Kalten Krieg, lässt die Hamburger Autorin mit ihren Figuren diese vergangene Zeit wieder lebendig werden. Man hat das Gefühl, jedes noch so kleine Detail wurde akribisch recherchiert und mit der Geschichte verwoben. Es werden die bekannten Ereignisse erwähnt, aber auch Wiedereröffnungen von Geschäften und deren Inhaber, politische Hintergründe und immer wieder der Aufbau der Häuser. Es ist wie eine Zeitreise zwischen zwei Buchdeckeln.

Historische Genauigkeit und gelebter Alltag
Gisela, Gert und Friede bilden als fiktive Figuren nicht nur eine Wohngemeinschaft, sondern bilden drei Gesellschaftsgruppen ab, die besonders betroffen waren. Friede hatte als Schauspielerin in früheren Zeiten Erfolg. Sie hatte gleich zwei Verehrer; einer war reich, der andere ein jüdischer Journalist. Sie fragt sich, ob nicht der eine für das Leid des anderen gesorgt hatte. Gerd und Gisela sind auf der Suche nach ihrer Familie. Sie wurden damals auseinandergerissen und wissen nicht, wer von ihnen überlebt hat. Über Hilfsdienste konnte man Listen einsehen, ob Angehörige aus den Konzentrationslagern befreit wurden. Die schwankende Hoffnung wird bei beiden Figuren greifbar. Es ist ein hoffnungsvoller Roman über Freundschaft, Zusammengehörigkeit und Hilfsbereitschaft. Vor allem aber bildet er das Leben der Zivilbevölkerung in den zehn Jahren nach Kriegsende ab.

In den Scherben das Licht ist ein eindrucksvoller, ruhiger Roman über das Überleben und den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Carmen Korn verbindet akribisch recherchierte Zeitgeschichte mit berührenden persönlichen Schicksalen und macht die Nachkriegsjahre in Hamburg eindringlich erfahrbar. Besonders überzeugend ist, wie die Autorin große historische Ereignisse durch den Alltag ihrer Figuren spürbar macht. Die Geschichte lebt weniger von dramatischen Zuspitzungen als von leisen Momenten der Solidarität und Hoffnung. Ein Roman, der zeigt, wie aus Trümmern Gemeinschaft entsteht und Menschlichkeit selbst in dunkelsten Zeiten Bestand hat.