Blick in den Abgrund
David ist auf dem Weg in die Schweiz - mit einem Privatjet und begleitet von Cody, seinem jungen Assistenten. Zweck der Reise: der assistierte Suizid. Legal ist das nur, wenn der Patient zum Zeitpunkt des Todes hinreichend bei Verstand ist. Für den frühdementen David beginnt ein Wettlauf Selbstbestimmung versus Demenz.
Denn die schreitet unerbittlich voran. IRL sicher nicht in den drei Tagen, auf die Cline den fatalen Prozess einzudampfen versteht. Cline muss gründlichst recherchiert haben, um das Thema so realistisch darstellen zu können. Der Autorin gelingt es, den rasanten Verfall eines Verstandes nachvollziehbar zu machen - wer sich auf den Roman einlässt, schaut in einen furchterregenden Abgrund.
Wir tauchen ein in einen Stream of Consciousness, der Davids erratisches Denken spiegelt. Er hat im Alltag ständig Aussetzer, die eine permanente Begleitung notwendig machen. In dem Maße, in dem David die Kontrolle über die Gegenwart verliert, wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. Nun, da alle Sperren außer Kraft gesetzt sind, kommt hoch, was lebenslang verdrängt oder verleugnet wurde. Das geschieht zunehmend zusammenhanglos, sprunghaft und assoziativ. Es fiel mir jedoch leicht, dabei mitzugehen, denn Clines Sprache ist glasklar und liest sich absolut organisch. Dazu kommt ein immer wieder aufblitzender Sinn für Komik und Ironie, der das beklemmende Geschehen erträglich macht.
Meisterhaft Clines Charakterzeichnung – aus ungeordneten Erinnerungsfetzen entsteht das Bild eines typischen Mannes seiner Generation: Erfolgsorientiert, gefühlsarm, ein nüchterner Zahlenmensch und abwesender Ehemann und Vater. Seiner Tochter, die in London lebt, ist er entfremdet, von seiner Frau lange geschieden. Seine Homosexualität hat er sich nie eingestanden. Einziger Freund sein ehemaliger Chef Stearns, der ihm den Jet in den Tod spendiert hat. Was David noch abrufen kann, sind Stereotype: „ Gelbe Rosen für Freundschaft. Champagner für besondere Anlässe.“ Immer wenn er von kreatürlicher Todesangst ergriffen wird, hält er sich an einer weiteren Stereotype fest: „Die Party verlassen, wenn man sich prächtig amüsiert.“ Allerdings hielt sich das Amüsement in Grenzen. „David Hastings. […] Sein Scharfsinn und seine Lebensstunden – das war es, was er verkauft hatte. Er war ein wertvoller Mensch gewesen.“ Und: „Er war immer an der Oberfläche geblieben. Sein Leben lang.“ Tragisch, dass diese Funken von Einsicht und Weisheit sofort wieder verlöschen.
Das Verhältnis zu Cody bleibt bis zum Ende unklar. Ist Cody ihm für väterliche Förderung dankbar, oder hat David seine Dienste für einen sechsstelligen Betrag gekauft? Davids für Demenz typische Paranoia argwöhnt immer wieder Betrug und führt zu aggressivem Verhalten gegenüber Cody, der so manches Mal deeskalieren muss.
Der rote Faden, der sich durch all die Fragmente aus Erinnerung und Reflektion zieht und den Roman zusammenhält, ist Davids Drang, sich mit einem alten Schulfreund auszusöhnen, der in Frankreich lebt. Bevor er die letzte Reiseetappe antritt, will, ja muss er dorthin, er erhofft Vergebung, wenn nicht Erlösung. Das Treffen selbst ist eine der herzzerreißendsten Szenen, die ich bislang gelesen habe.
Trotz aller Tragik bleibt der Ton des Romans sachlich und kommt ohne Pathos und Sentimentalität aus. Clines Protagonist ist Selbstmitleid fremd; vielleicht lag es daran, dass ich, wiewohl von seiner Geschichte enorm gefesselt, kein Mitleid mit ihm empfunden habe. Stattdessen gingen meine Gedanken angesichts dieses so typischen Männerlebens in eine ganz andere Richtung: „In die Schweiz“ ist eine dringende Mahnung, vor dem Tod wirklich zu leben.
Clines bisher bester Roman - nichts weniger als großartig.
Denn die schreitet unerbittlich voran. IRL sicher nicht in den drei Tagen, auf die Cline den fatalen Prozess einzudampfen versteht. Cline muss gründlichst recherchiert haben, um das Thema so realistisch darstellen zu können. Der Autorin gelingt es, den rasanten Verfall eines Verstandes nachvollziehbar zu machen - wer sich auf den Roman einlässt, schaut in einen furchterregenden Abgrund.
Wir tauchen ein in einen Stream of Consciousness, der Davids erratisches Denken spiegelt. Er hat im Alltag ständig Aussetzer, die eine permanente Begleitung notwendig machen. In dem Maße, in dem David die Kontrolle über die Gegenwart verliert, wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. Nun, da alle Sperren außer Kraft gesetzt sind, kommt hoch, was lebenslang verdrängt oder verleugnet wurde. Das geschieht zunehmend zusammenhanglos, sprunghaft und assoziativ. Es fiel mir jedoch leicht, dabei mitzugehen, denn Clines Sprache ist glasklar und liest sich absolut organisch. Dazu kommt ein immer wieder aufblitzender Sinn für Komik und Ironie, der das beklemmende Geschehen erträglich macht.
Meisterhaft Clines Charakterzeichnung – aus ungeordneten Erinnerungsfetzen entsteht das Bild eines typischen Mannes seiner Generation: Erfolgsorientiert, gefühlsarm, ein nüchterner Zahlenmensch und abwesender Ehemann und Vater. Seiner Tochter, die in London lebt, ist er entfremdet, von seiner Frau lange geschieden. Seine Homosexualität hat er sich nie eingestanden. Einziger Freund sein ehemaliger Chef Stearns, der ihm den Jet in den Tod spendiert hat. Was David noch abrufen kann, sind Stereotype: „ Gelbe Rosen für Freundschaft. Champagner für besondere Anlässe.“ Immer wenn er von kreatürlicher Todesangst ergriffen wird, hält er sich an einer weiteren Stereotype fest: „Die Party verlassen, wenn man sich prächtig amüsiert.“ Allerdings hielt sich das Amüsement in Grenzen. „David Hastings. […] Sein Scharfsinn und seine Lebensstunden – das war es, was er verkauft hatte. Er war ein wertvoller Mensch gewesen.“ Und: „Er war immer an der Oberfläche geblieben. Sein Leben lang.“ Tragisch, dass diese Funken von Einsicht und Weisheit sofort wieder verlöschen.
Das Verhältnis zu Cody bleibt bis zum Ende unklar. Ist Cody ihm für väterliche Förderung dankbar, oder hat David seine Dienste für einen sechsstelligen Betrag gekauft? Davids für Demenz typische Paranoia argwöhnt immer wieder Betrug und führt zu aggressivem Verhalten gegenüber Cody, der so manches Mal deeskalieren muss.
Der rote Faden, der sich durch all die Fragmente aus Erinnerung und Reflektion zieht und den Roman zusammenhält, ist Davids Drang, sich mit einem alten Schulfreund auszusöhnen, der in Frankreich lebt. Bevor er die letzte Reiseetappe antritt, will, ja muss er dorthin, er erhofft Vergebung, wenn nicht Erlösung. Das Treffen selbst ist eine der herzzerreißendsten Szenen, die ich bislang gelesen habe.
Trotz aller Tragik bleibt der Ton des Romans sachlich und kommt ohne Pathos und Sentimentalität aus. Clines Protagonist ist Selbstmitleid fremd; vielleicht lag es daran, dass ich, wiewohl von seiner Geschichte enorm gefesselt, kein Mitleid mit ihm empfunden habe. Stattdessen gingen meine Gedanken angesichts dieses so typischen Männerlebens in eine ganz andere Richtung: „In die Schweiz“ ist eine dringende Mahnung, vor dem Tod wirklich zu leben.
Clines bisher bester Roman - nichts weniger als großartig.