Das Verschwinden
Das Buchcover zeigt einen Mann, der sich langsam auflöst, der seine festen Konturen verliert. Emma Cline wählte diesmal einen Schreibstil, der bereits an die bruchstückhafte Zersetzung der Erinnerung eines zunehmend demenzkranken Menschen erinnert. Anfänglich ist dies ein lückenhaftes Lesen, parallel der Erinnerungslücken der Gegenwart des Protagonisten. David, ein wohlhabender Amerikaner, der es gewohnt war, zu bestimmen, entscheidet sich für den selbst bestimmten Freitod. Er reist mit seinem Begleiter Cody über London (Besuch bei der Tochter) in die Schweiz. Cody fungiert als eine Art Endphasencoach und sensibler Betreuer. Während für David die frühen Erinnerungen präsenter werden, verliert er das Heute und die Orientierung in der Gegenwart. Seine Reise dem eigenen Ende entgegen ist durchsetzt von bröckelnden Erinnerungen und kurzen, sehr klaren Gedanken. Die Löcher im Gedächtnis und die Gewissheit des absehbaren Verfalls der Selbständigkeit haben David veranlasst, seinen Tod selbst zu bestimmen. Es fällt in diesem Roman niemals der Begriff Sterbehilfe oder Freitod, sondern Emma Cline beschreibt wie eine Zuschauerin die letzte Reise Davids und seines Betreuers. So wird der Protagonist von außen immer er oder David genannt und nur der aller letzte Satz im Roman ist in der Ich-Form. Wer sich auf die bruchstückhaften Erinnerungen und die Mitreise einlassen kann, der erhält ein beindruckendes Leseerlebnis und Anregung zur eigenen Reflexion.