Die eigene Endlichkeit
Die meisten Menschen verbinden mit der Schweiz wohl Berge, Schokolade und Banken; doch einige wissen auch um die Möglichkeit eines dort begleiteten Suizids. »In die Schweiz« zu fahren, kann damit im literarischen und gesellschaftlichen Sprachgebrauch zum Euphemismus für die letzte Reise eines Menschen werden, der selbst bestimmen möchte, wann und wie er stirbt. Genau diese Reise tritt David Hastings in Emma Clines gleichnamigen Roman an. Der Mitte siebzigjährige ehemalige Geschäftsmann ist an Demenz erkrankt und möchte sterben, solange er noch selbst über sein Leben und seinen Tod entscheiden kann. Auf dem Weg nach Zürich besucht er seine Tochter und seinen Enkel und trifft einen alten Freund aus vergangenen Zeiten. Was wie eine Mission mit einem klaren Ziel beginnt, wird dabei zunehmend zu einer Reise durch Davids brüchig werdende Wahrnehmung und seine Erinnerungen.
Cline fordert ihre Leser:innen mit zahlreichen Verweisen, Erinnerungsfragmenten und Verschiebungen zum langsamen Lesen und Innehalten auf. Gerade darin liegt jedoch ein großer Reiz des Romans: Demenz wird hier nicht bloß erklärt, sondern tatsächlich erfahrbar. Die Perspektive bleibt eng an David gebunden, sodass es auch für die Lesenden zunehmend schwer wird zu unterscheiden, was tatsächlich geschieht, woran David sich erinnert und was er sich gerade zurechtlegt. Besonders eindrücklich fand ich hierbei eine kleine Episode rund um Davids Uhr. Mehrfach kommt er darauf zurück, dass die Uhr nicht an seinem Handgelenk ist – und entwickelt dafür jeweils eine andere Erklärung. Einmal denkt er, er hätte sie seinem Enkel schenken sollen, später glaubt er, sein Enkel habe ihn bestohlen, und schließlich ist er überzeugt, dass er sie ihm tatsächlich geschenkt hat. Äußerlich liegt all diesen Gedanken dieselbe Situation zugrunde: Die Uhr ist nicht da. Doch in Davids Bewusstsein entstehen daraus unterschiedliche Wirklichkeiten. Gerade in dieser kleinen Verschiebung wird die Demenz auf eine Weise greifbar, die viel stärker wirkt als jede Erklärung der Krankheit.
Zugleich sagen die verschiedenen Deutungen viel über David selbst aus. In kurzen Rückblicken erfahren wir vergleichsweise wenig über seine Vergangenheit. Vieles erschließt sich zwischen den Zeilen, aus Erinnerungsfetzen und aus den Dingen, die sich trotz des zunehmenden Vergessens in seinem Bewusstsein halten. Damit fragt der Roman auch danach, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn die eigene Erinnerung immer unzuverlässiger wird. Vielleicht sind es nicht unbedingt die großen Ereignisse eines Lebens, die sich bewahren, sondern einzelne Bilder, Empfindungen, Begegnungen und manchmal völlig nebensächliche Dinge.
Wenngleich von Anfang an klar ist, warum David in die Schweiz fährt und was ihn dort erwartet, besitzt Clines Erzählweise etwas so Zwingendes und Dringliches, dass ich beim Lesen immer wieder auf eine Wendung gehofft habe. Irgendetwas könnte noch geschehen, es könnte doch eine Lösung geben, vielleicht könnte alles anders kommen. Ich wusste, dass diese Erwartung unbegründet ist – und hatte sie trotzdem. Vielleicht liegt darin etwas sehr Menschliches: Die Hoffnung auf ein gutes Ende begleitet uns selbst dann, wenn wir wissen, dass bestimmte Dinge unvermeidlich sind. Und vielleicht gilt das ganz besonders, wenn wir mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert werden.
»In die Schweiz« ist für mich auch deshalb interessant, weil der Roman in erster Linie nicht die Frage diskutiert, ob Davids Entscheidung für den begleiteten Suizid richtig oder falsch ist – er hat sich entschieden. Stattdessen interessiert sich Cline dafür, was es für einen Menschen bedeutet, einen Zeitpunkt für den eigenen Tod zu kennen und zugleich zu spüren, dass die Fähigkeit, über diesen Tod selbst zu entscheiden, langsam verloren geht. David möchte gehen, solange er noch er selbst ist. Doch je näher das Ende rückt, desto unsicherer wird gerade diese Vorstellung davon, wer »er selbst« überhaupt noch ist.
In den Rückblicken erfahren wir zugleich, wie David einst war: privilegiert und erfolgreich, allerdings auf Kosten anderer. Er hat Beziehungen beschädigt, Menschen enttäuscht und seine Familie vernachlässigt. Seine letzten Begegnungen verlaufen entsprechend nicht als große Versöhnung. Mitnichten schreibt Cline eine sentimentale Sterbeerzählung oder verklärt David im Nachhinein zu einem besseren Menschen. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht die Figur interessant: Am Ende seines Lebens begegnet uns kein geläuterter Mensch, sondern einer, der mit dem konfrontiert wird, was gelungen ist, was gescheitert ist und was sich nicht mehr reparieren lässt.
Form und Inhalt bilden hier eine Einheit: Davids brüchige Wahrnehmung zeichnet sich durch kleine Verschiebungen und Irritationen aus; Gedanken springen, Erinnerungen drängen sich in die Gegenwart, und vermeintliche Gewissheiten verändern sich. Dadurch entsteht eine eigentümliche Sogwirkung. Wir lesen hier nicht einfach über einen dementen Menschen, sondern erleben zumindest ansatzweise, wie es sein könnte, der eigenen Wahrnehmung nicht mehr vollständig vertrauen zu können. Und vielleicht ist das letztlich auch die stärkste Verbindung zwischen dem Anfang und dem Ende des Romans: David fährt in die Schweiz, um selbst über sein Ende zu bestimmen. Doch je näher dieses Ende kommt, desto mehr verliert er ausgerechnet das, was ihm ermöglichen soll, darüber zu bestimmen – seine Selbstgewissheit.
»In die Schweiz« hat mich beim Lesen gefordert und auch anschließend noch lange beschäftigt. Und je mehr ich beim Schreiben versucht habe, meine Gedanken zu ordnen, desto klarer wurde mir, wie detailliert Emma Cline ihren Plot, das Gesagte wie das Ungesagte ausgearbeitet hat – und wie sehr sie mich damit wieder einmal begeistert hat.
Besonders hervorheben möchte ich dabei auch die Übersetzung von Nikolaus Stingl. Gerade bei einem Roman, dessen Wirkung so stark von Nuancen, Perspektivverschiebungen und der Genauigkeit einzelner Beobachtungen abhängt, ist eine fantastische Übersetzung entscheidend. Die deutsche Fassung liest sich für mich sehr stimmig und bewahrt den eigenwilligen, teilweise spröden und zugleich soghaften Ton des Romans.
Leseempfehlung!
Cline fordert ihre Leser:innen mit zahlreichen Verweisen, Erinnerungsfragmenten und Verschiebungen zum langsamen Lesen und Innehalten auf. Gerade darin liegt jedoch ein großer Reiz des Romans: Demenz wird hier nicht bloß erklärt, sondern tatsächlich erfahrbar. Die Perspektive bleibt eng an David gebunden, sodass es auch für die Lesenden zunehmend schwer wird zu unterscheiden, was tatsächlich geschieht, woran David sich erinnert und was er sich gerade zurechtlegt. Besonders eindrücklich fand ich hierbei eine kleine Episode rund um Davids Uhr. Mehrfach kommt er darauf zurück, dass die Uhr nicht an seinem Handgelenk ist – und entwickelt dafür jeweils eine andere Erklärung. Einmal denkt er, er hätte sie seinem Enkel schenken sollen, später glaubt er, sein Enkel habe ihn bestohlen, und schließlich ist er überzeugt, dass er sie ihm tatsächlich geschenkt hat. Äußerlich liegt all diesen Gedanken dieselbe Situation zugrunde: Die Uhr ist nicht da. Doch in Davids Bewusstsein entstehen daraus unterschiedliche Wirklichkeiten. Gerade in dieser kleinen Verschiebung wird die Demenz auf eine Weise greifbar, die viel stärker wirkt als jede Erklärung der Krankheit.
Zugleich sagen die verschiedenen Deutungen viel über David selbst aus. In kurzen Rückblicken erfahren wir vergleichsweise wenig über seine Vergangenheit. Vieles erschließt sich zwischen den Zeilen, aus Erinnerungsfetzen und aus den Dingen, die sich trotz des zunehmenden Vergessens in seinem Bewusstsein halten. Damit fragt der Roman auch danach, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn die eigene Erinnerung immer unzuverlässiger wird. Vielleicht sind es nicht unbedingt die großen Ereignisse eines Lebens, die sich bewahren, sondern einzelne Bilder, Empfindungen, Begegnungen und manchmal völlig nebensächliche Dinge.
Wenngleich von Anfang an klar ist, warum David in die Schweiz fährt und was ihn dort erwartet, besitzt Clines Erzählweise etwas so Zwingendes und Dringliches, dass ich beim Lesen immer wieder auf eine Wendung gehofft habe. Irgendetwas könnte noch geschehen, es könnte doch eine Lösung geben, vielleicht könnte alles anders kommen. Ich wusste, dass diese Erwartung unbegründet ist – und hatte sie trotzdem. Vielleicht liegt darin etwas sehr Menschliches: Die Hoffnung auf ein gutes Ende begleitet uns selbst dann, wenn wir wissen, dass bestimmte Dinge unvermeidlich sind. Und vielleicht gilt das ganz besonders, wenn wir mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert werden.
»In die Schweiz« ist für mich auch deshalb interessant, weil der Roman in erster Linie nicht die Frage diskutiert, ob Davids Entscheidung für den begleiteten Suizid richtig oder falsch ist – er hat sich entschieden. Stattdessen interessiert sich Cline dafür, was es für einen Menschen bedeutet, einen Zeitpunkt für den eigenen Tod zu kennen und zugleich zu spüren, dass die Fähigkeit, über diesen Tod selbst zu entscheiden, langsam verloren geht. David möchte gehen, solange er noch er selbst ist. Doch je näher das Ende rückt, desto unsicherer wird gerade diese Vorstellung davon, wer »er selbst« überhaupt noch ist.
In den Rückblicken erfahren wir zugleich, wie David einst war: privilegiert und erfolgreich, allerdings auf Kosten anderer. Er hat Beziehungen beschädigt, Menschen enttäuscht und seine Familie vernachlässigt. Seine letzten Begegnungen verlaufen entsprechend nicht als große Versöhnung. Mitnichten schreibt Cline eine sentimentale Sterbeerzählung oder verklärt David im Nachhinein zu einem besseren Menschen. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht die Figur interessant: Am Ende seines Lebens begegnet uns kein geläuterter Mensch, sondern einer, der mit dem konfrontiert wird, was gelungen ist, was gescheitert ist und was sich nicht mehr reparieren lässt.
Form und Inhalt bilden hier eine Einheit: Davids brüchige Wahrnehmung zeichnet sich durch kleine Verschiebungen und Irritationen aus; Gedanken springen, Erinnerungen drängen sich in die Gegenwart, und vermeintliche Gewissheiten verändern sich. Dadurch entsteht eine eigentümliche Sogwirkung. Wir lesen hier nicht einfach über einen dementen Menschen, sondern erleben zumindest ansatzweise, wie es sein könnte, der eigenen Wahrnehmung nicht mehr vollständig vertrauen zu können. Und vielleicht ist das letztlich auch die stärkste Verbindung zwischen dem Anfang und dem Ende des Romans: David fährt in die Schweiz, um selbst über sein Ende zu bestimmen. Doch je näher dieses Ende kommt, desto mehr verliert er ausgerechnet das, was ihm ermöglichen soll, darüber zu bestimmen – seine Selbstgewissheit.
»In die Schweiz« hat mich beim Lesen gefordert und auch anschließend noch lange beschäftigt. Und je mehr ich beim Schreiben versucht habe, meine Gedanken zu ordnen, desto klarer wurde mir, wie detailliert Emma Cline ihren Plot, das Gesagte wie das Ungesagte ausgearbeitet hat – und wie sehr sie mich damit wieder einmal begeistert hat.
Besonders hervorheben möchte ich dabei auch die Übersetzung von Nikolaus Stingl. Gerade bei einem Roman, dessen Wirkung so stark von Nuancen, Perspektivverschiebungen und der Genauigkeit einzelner Beobachtungen abhängt, ist eine fantastische Übersetzung entscheidend. Die deutsche Fassung liest sich für mich sehr stimmig und bewahrt den eigenwilligen, teilweise spröden und zugleich soghaften Ton des Romans.
Leseempfehlung!