Eine Erleuchtung
David Hastings macht es sich in seinem Sessel in Stearns Flugzeugkabine bequem. Neben ihm schläft der Junge mit vor der Brust verschränkten Armen. David schlägt sein Notizbuch auf, um festzuhalten, was ihm nach und nach entgleiten wird. „The quick brown fox, the lazy dog.“ Cody, der Mann, den er Junge nennt, begleitet ihn in die Schweiz, doch zuvor machen sie einen Zwischenstopp in London bei Davids Tochter. Er will sie ein letztes Mal sehen.
Anna Gould hatte noch etliche Nachuntersuchungen angefordert. Das Verfahren dauerte Monate, die Bürokratie musste bewältigt werden. David bestellt einen Scotch bei der Flugbegleiterin, deren Namen er längst vergessen hat. Zwei Finger breit zeigt er ihr, sie lächelt. Monatelang hatte er nichts mehr getrunken, nachdem die Ärztin ihr Urteil gefällt hatte, aber das hatte auch nichts gebracht. Die Plaques sind da und werden nicht mehr verschwinden. „The quick brown fox, the lazy dog.“ Die Überlassung des Privatfliegers als bequemes Vehikel für den letzten Gang ist Stearns Abschiedsgeschenk, als Dank für Davids jahrzehntelange Loyalität und Treue. David greift in seine Jackentasche, spürt das Notizbuch, atmet auf. Er erinnert sich an die Dinge, die er nicht erklären kann. Als er zur heißesten Zeit des Tages in der unbekannten Stadt an der Tankstelle stand. Der handfeste Streit mit Sylvia, die seine Wohnung in Ordnung hält, die scharfen Worte, die er angeblich zu ihr sagte. Er erinnert sich, wie es angefangen hat. Beim letzten Drei-Tage-Check up für Führungskräfte war noch alles in Ordnung gewesen, gut das linke Knie war dahin, aber oben alles noch klar. Später, als sie ihn längst gefeuert hatte, nannte eine Ärztin ihm drei Worte, die er sich merken sollte Rose, Stuhl, Apfel. Sie sprachen noch ein wenig und dann wollte sie diese Begriffe von ihm hören. Die Rose war sofort da, Annabell hatte Rosen geliebt. Doch der verdammte Stuhl und der Apfel hatten sich in seinen Gehirnwindungen versteckt. Dann kamen die Medikamente, der dünne Stuhl und die lebhaften Träume.
Fazit: Die Autorin Emma Cline hat mich mit ihrer Erzählung (die verständlicherweise auf der Booker Longlist 2026 steht) über einen an Demenz erkrankten siebzigjährigen Mann voll erwischt. Sie lässt ihren Protagonisten erzählen, wie er seine Situation erlebt und ich bin hautnah dran. David plant seit den ersten kognitiven Ausfällen und der folgenden Diagnose in die Schweiz zu gehen, in Begleitung und mit Würde zu sterben. In dem amerikanischen Staat, in dem er lebt, ist das nicht möglich und ein Umzug hätte ihn Zeit gekostet, die er nicht hat. Während sein Kurzzeitgedächtnis dahinschmilzt, wird er von Erinnerungen geflutet. Auch von unschönen, in denen er sich schuldig gemacht hat, die sein Resthirn gnädigerweise mit euphemistischen Begrifflichkeiten schönt. Beeindruckend gezeigt hat mir die Autorin auch, wie David sich seiner Situation voll bewusst ist und das fehlende Verständnis durch alle Variationen des Lächelns zu überspielen versucht. Herzzerreißend finde ich die depressiven Einschübe, die morgendliche Weinerlichkeit, aber auch die latent unterschwellige Aggression. Emma Cline schenkt mir über Davids Erinnerungen einen winzigen Einblick in die Persönlichkeit, die er mal gewesen sein muss. Ein verlässlicher, kluger Mitarbeiter in gehobener Position, der gut mit Zahlen jonglieren konnte. So gut in seinem Beruf, dass er mit Intimität und Nähe fremdelte, was ihn am Ende in tiefe Einsamkeit hüllt. Leute, das hat mich sehr bewegt. Dieses Buch ist für alle, die ihre dementen Angehörigen besser verstehen wollen und für alle, die in pflegenden Berufen arbeiten, eine Erleuchtung.
Ebenfalls sehr gemocht habe ich ihren Roman „Die Einladung„.
Anna Gould hatte noch etliche Nachuntersuchungen angefordert. Das Verfahren dauerte Monate, die Bürokratie musste bewältigt werden. David bestellt einen Scotch bei der Flugbegleiterin, deren Namen er längst vergessen hat. Zwei Finger breit zeigt er ihr, sie lächelt. Monatelang hatte er nichts mehr getrunken, nachdem die Ärztin ihr Urteil gefällt hatte, aber das hatte auch nichts gebracht. Die Plaques sind da und werden nicht mehr verschwinden. „The quick brown fox, the lazy dog.“ Die Überlassung des Privatfliegers als bequemes Vehikel für den letzten Gang ist Stearns Abschiedsgeschenk, als Dank für Davids jahrzehntelange Loyalität und Treue. David greift in seine Jackentasche, spürt das Notizbuch, atmet auf. Er erinnert sich an die Dinge, die er nicht erklären kann. Als er zur heißesten Zeit des Tages in der unbekannten Stadt an der Tankstelle stand. Der handfeste Streit mit Sylvia, die seine Wohnung in Ordnung hält, die scharfen Worte, die er angeblich zu ihr sagte. Er erinnert sich, wie es angefangen hat. Beim letzten Drei-Tage-Check up für Führungskräfte war noch alles in Ordnung gewesen, gut das linke Knie war dahin, aber oben alles noch klar. Später, als sie ihn längst gefeuert hatte, nannte eine Ärztin ihm drei Worte, die er sich merken sollte Rose, Stuhl, Apfel. Sie sprachen noch ein wenig und dann wollte sie diese Begriffe von ihm hören. Die Rose war sofort da, Annabell hatte Rosen geliebt. Doch der verdammte Stuhl und der Apfel hatten sich in seinen Gehirnwindungen versteckt. Dann kamen die Medikamente, der dünne Stuhl und die lebhaften Träume.
Fazit: Die Autorin Emma Cline hat mich mit ihrer Erzählung (die verständlicherweise auf der Booker Longlist 2026 steht) über einen an Demenz erkrankten siebzigjährigen Mann voll erwischt. Sie lässt ihren Protagonisten erzählen, wie er seine Situation erlebt und ich bin hautnah dran. David plant seit den ersten kognitiven Ausfällen und der folgenden Diagnose in die Schweiz zu gehen, in Begleitung und mit Würde zu sterben. In dem amerikanischen Staat, in dem er lebt, ist das nicht möglich und ein Umzug hätte ihn Zeit gekostet, die er nicht hat. Während sein Kurzzeitgedächtnis dahinschmilzt, wird er von Erinnerungen geflutet. Auch von unschönen, in denen er sich schuldig gemacht hat, die sein Resthirn gnädigerweise mit euphemistischen Begrifflichkeiten schönt. Beeindruckend gezeigt hat mir die Autorin auch, wie David sich seiner Situation voll bewusst ist und das fehlende Verständnis durch alle Variationen des Lächelns zu überspielen versucht. Herzzerreißend finde ich die depressiven Einschübe, die morgendliche Weinerlichkeit, aber auch die latent unterschwellige Aggression. Emma Cline schenkt mir über Davids Erinnerungen einen winzigen Einblick in die Persönlichkeit, die er mal gewesen sein muss. Ein verlässlicher, kluger Mitarbeiter in gehobener Position, der gut mit Zahlen jonglieren konnte. So gut in seinem Beruf, dass er mit Intimität und Nähe fremdelte, was ihn am Ende in tiefe Einsamkeit hüllt. Leute, das hat mich sehr bewegt. Dieses Buch ist für alle, die ihre dementen Angehörigen besser verstehen wollen und für alle, die in pflegenden Berufen arbeiten, eine Erleuchtung.
Ebenfalls sehr gemocht habe ich ihren Roman „Die Einladung„.